Glaubwürdige Ortsnamen

Die selbsterfundene Welt wächst, und damit die Anzahl der Orte, die ordentliche Namen brauchen. Ich versehe meine Lokalitäten gerne mit Ortsnamen, die mehr sind als ein paar wohlklingend aneinandergereihte Silben. Die Neubildung (mittelalterlicher) Siedlungsnamen ist eigentlich gar nicht so schwer.

Die einfachsten Ortsnamen leiten sich von einem einfachen Begriff ab: Berg(en), Suhl, Salz. Diese Bildung ist in Geschichten nur bedingt einsetzbar, kann aber gut benutzt werden um wichtige Ressourcen zu verorten, ohne dass man sich lange über die Bedeutung des Ortes auslassen muss.

Beliebter war in Deutschland (vor allem im Mittelalter) die Bildung von Ortsnamen aus zwei Bedeutungshälften. Eine vorderer Namensteil – meist ein Name oder eine Ortsbeschreibung – in Verbindung mit einem bedeutungsgebenden Suffix.

Das Namensanhängsel in diesen Wortbildungen ist teilweise kulturell geprägt (ein Franke nannte die Siedlung -heim, während ein Sachse die Siedlung -hausen nannte), und deutet teilweise sehr hart Sprach- und Volksgrenzen an.

Beliebte Endungen (geographisch nicht geordnet):
-eck, -egg: Spitzer Winkel, Ecke
-bach, -beke: Bachlauf’
-hausen: Siedlung von (x), meist Person
-heim: Siedlung von (x), meist Person
-roda, -rode, -rad: Siedlung wurde auf Rodung errichtet
-furt, -ford: Stelle, an der ein Bach oder Fluss überquert werden konnte
-brücke, -brügge: Stelle, an der eine Brücke steht
-dorf: Selbsterklärend… Als der Name entstand, bestand schon eine Siedlung
-stadt, -sted: Bezeichnet einen bestimmten Ort (nicht “Stadt” im modernen Sinne)
-leben: Hinterlassenschaft von Person X

Die Vorsilben zu diesen Namensbildungen können Orte, Personen oder Ereignisse sein.

Namensbildungen tendieren dazu, in geographischen Bereichen einheitlich zu sein – wenn auch nicht jeder Ort am Fluss auf -bach endet, so gruppieren sich doch von einer Volksgruppe bevorzugte Namen in einem bestimmten Gebiet.

In Geschichten kann man solche Namensgruppierungen schön benutzen, um schwere Einschnitte in der Geschichte – Invasionen, Naturkatastrophen oder Kriege – anzudeuten. So klingt in einer Gegend, in der die Orte Namen wie “Heimbach”, “Hannesheim”, “Friedelheim” und “Annaheim” tragen, eine Siedlung mit der Bezeichnung “Sankt Otto-überm-Heimbachtal” schon recht fremdartig.

Wer ist in dieser Konstellation der Eindringling? Ich tippe mal auf  Südfranzosen, die ihrem Führer Otto in fränkische Gebiete gefolgt sind. Örtliche Rivalitäten sind damit schon geklärt, oder?

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4 comments to Glaubwürdige Ortsnamen

  • Tom

    Auf jeden Fall eine nützliche Grundinformation und Anregung.
    Also nicht nur für historische und halb-historische Fantasy, sondern generell. Leute denken gleich, also dürfte die entwicklung überall gleich sein (okay, die Erkenntnis an sich ist nicht neu – tolkien hat damit ja auch schon mächtig rumgebastelt). Aber das Prinzip ist wichtig: ob es jetzt -berg heißt oder -bühl, -knock oder -rath – Leute benennen ihre Berge gern eindeutig. Indem sie sie “berg” nennen. Oder zumindest Hügel. So was kann man sich ruhig merken, als Autor. Macht vieles einfacher – und realistischer.

    -bühl (oder -biel, -beuel oder auch beil) heißt übrigens Hügel. So wie in “Dinkelsbühl”, “Radebeul” oder “Beilstein”

  • Das obige Prinzip ist erst einmal die deutsche Variante. Jede Sprache hat ihre eigenen Namenbildungsregeln, damit kann man auch noch spielen.
    In Süd/West-Frankreich gibt es das Muster [Heiligenname]-[in, an, über, auf, unter, von]-[Sehenswürdigkeit, Landmarke], zum Beispiel St. Jean-de-Luz.
    Die Japaner dagegen nennen ihre Städte für unsere Ohren recht einfallslos: Östliche Hauptstadt (Tokyo), Breite Insel (Hiroshima), Langes Kap (Nagasaki). Da macht die Sprache die Exotik, und die Schrift die Verständlichkeit. Soweit ich weiss, war das auch Tolkiens liebster Ansatz.
    Orte mit Namen “Unaussprechlich” liegen mir nicht so ;-)

  • Tom

    Wobei es da auch schön ist, welche Namen der heutigen Landkarte durch die simple Frage europäischer Entdecker “Was ist das da” bzw. “Wie heißt das dort” zustande gekommen sind.
    Jede Menge “Ein Berg”, “Ich versteh nicht, was du willst”, “Zuhause” und einige “Verarscht den weißen Mann” bzw. “Dein Zeigefinger, Blödmann” auf den modernen Karten der welt. Auch hier macht die Sprache die Exotik. ;)

  • Ui, das ist ja witzig.
    Die Ortsbezeichnungen gibt es heute noch? Naheliegend sind sie auf jeden Fall, wenn man das Gehabe der europäischen “Fernreisenden” bedenkt. Hast du da ein oder zwei konkrete Beispiele, zur Delektation? :D

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