Wovon lebt ein Autor eigentlich?
Ich habe mal (zusätzlich zu meinem Studium) Handsticker gelernt und besuche gegenwärtig eine nebenberufliche Handweberlehre. Da in Deutschland Kunsthandwerk sehr geschätzt wird, könnte ich, wollte ich in meinem gelernten Beruf arbeiten, ein Gehalt von etwa 1100 Euro im Monat erwarten. Das ist erstens nicht die Welt, und zweitens müsste ich dafür erst einmal einen Betrieb finden, in dem ich arbeiten könnte.
Dies als Vergleichswert.
Als selbständiger Schriftsteller hoffe ich natürlich, irgendwann einmal dieses Monatsgehalt auf meinem Geschäftskonto eingehen zu sehen. Aber es heisst nicht umsonst “brotlose Kunst.”
Bei der Arbeit an einem Roman “schaffe” ich pro Tag etwa drei Normseiten neuen Text. Angewandt auf einen 350-Normseiten-Roman macht das also 117 Arbeitstage in der Textproduktion, bis die erste Fassung fertig ist. Bei angenommenen 20 Arbeitstagen pro Monat macht das rund 6 Monate bis zur Romanerstfassung.
Mit einer klaren Milchmädchenrechnung, die solche unbequemen Dinge wie Krankenversicherung, Einkommenssteuer und andere Kleinigkeiten vernachlässigt, müsste ich für diesen Roman – es darf natürlich keine weitere Arbeit daran aufkommen – 6.600 Euro verdienen, um auf mein abhängiges Basisgehalt zu kommen.
Natürlich kommen aber noch Überarbeitungen, Marketingkosten (man muss den Roman ja auch an einen Verlag verhökern), Material (Patronen und Papier für den Drucker, die Elektronen für den Schreib-PC und anderes) und weitere Arbeitszeit hinzu, bis das Projekt abgeschlossen ist. Veranschlage man also weitere 3 Monate an Nacharbeiten, und man wünscht sich rund 10.000 Euro Entgelt für seine Arbeit. Schließlich hat man an diesem Roman neun Monate lang Vollzeit gearbeitet, und das Brot muss auf den Tisch.
Nun sieht der Science Fiction und Fantasy – Markt aber so aus, dass ein Verlag wie Heyne, der bei seinem Wettbewerb “Schreiben Sie einen magischen Bestseller” einen Preis von 10.000 Euro garantierten Vorschuss für den ersten Platz auslobte, mit über 1400 Manuskripten überschwemmt wurde.
Das sollte schon anzeigen, wie selten ein Autor einen Vorschuss in lebensnotwendiger Höhe sieht. Die Bezeichnung “Vorschuss” ist übrigens irreführend, da die meisten Bücher nicht so gut verdienen, dass die Erlöse aus den Buchverkäufen über den Vorschuss hinausgehen. Der Vorschuss ist also meist das Einzige, das ein kleiner Autor einnimmt.
Und diesen Vorschuss bekommt er für das einzige Gut, das er hat: Für die Abtretung der (aller) Vermarktungsrechte an seinem Werk an einen Verlag. Nach Normvertrag gilt diese Abtretung übrigens lebenslänglich. Das einzige, was dem Autor bleibt, ist das urheberrechtlich garantierte Eigentum an seinem Werk, das dafür sorgt, dass sein Name oben auf dem Cover steht. Ohne Urheberrecht bleibt dem Autor – nichts.
So sehr ich also mit der Piratenpartei sympathisiere – und nichts regt mich mehr auf als das verstandlos hingehudelte Internet-Zensurgesetz, das gestern Nachmittag verabschiedet wurde -, ihr Standpunkt zum Urheberrecht muss überarbeitet werden. Es ist zwar wahr, dass interessierte Gruppen gegenwärtig das Urheberrecht benutzen, um geltendes Recht in faszinierend hässliche Brezelformen zu verbiegen. Aber dass man in Deutschland Recht und nicht Gerechtigkeit bekommt, ist wohl allgemein bekannt.
Ich kann auf jeden Fall keine Partei unterstützen, die mir meine Lebensgrundlage wegnehmen will. Hier in der Gegend gibt es nämlich keine Handwebereien, bei denen ich um Arbeit anklopfen könnte. Selbst wenn ich als Weber mehr Geld verdiene denn als Autor.