Wie stellt man Glauben dar?

(Projekt Sternenzelt – (1) Sternspuren: 24.615 Anschläge – 17 Normseiten)
Es ist wunderbar, wie schnell mir dieser “Erholungstext” von der Hand geht. Es könnte natürlich daran liegen, dass ich mich schon die ganze Woche auf dieses Projekt gefreut habe, und dass die gesamte Planung für den Prolog / das erste Kapitel von Sternspuren so lange stand, dass ich die Szenen schon geträumt habe.

Gleichzeitig habe ich ein paar Stellen im Text, die mir nicht so passen. Ich habe den Eindruck, dass ich mich vor lauter Schreibeifer und Formulierungsproblemen – ein Agnostiker möchte hier die Gefühle einer sehr religiösen Figur glaubhaft darstellen – in -heiten, -keiten, -ologien und anderen Substantivierungen verrannt habe.  Aber ich wollte ja unbedingt eine Hauptfigur haben, die von den Göttern erwählt wurde.

Wobei diese Formulierung schon nicht mehr korrekt ist. Die Götter haben meine Hauptfigur gerufen – und die Protagonistin hat sie erwählt. Da ist ein Unterschied, der die gesamte Basis der Theologie der Sternentempel ausmacht. Die Sterne gaben den Menschen den freien Willen. Jeder Akt der Freiheit und jede bewusst getroffene Entscheidung ist also für die Theoretiker der Sternentempel ein Gebet an die Sterne. Daraus folgt, dass zumindest die Sterne ihre Kandidaten nur auf sich aufmerksam machen. Der Rest liegt im Ermessen ihrer Anhänger.

Da die Götter der drei Reiche sich nicht für einen Autor bequem personifizieren (perfekt für Dialoge und Streitereien) oder mit Avataren aufwarten (die Protagonistin wirft sich in den Staub und sagt “ja, Herr!”), kommt ein armes Agnostikerchen da schnell in die Bredouille.

Mal schnell zu Recherchezwecken einen Rosenkranz herunterleiern hilft da wenig (ja, ich kann ihn auswendig, welche Sprache darf’s denn sein?), und bei allen lateinischen und deutschen Messen, die ich in katholischen und evangelischen Kirchen gesungen habe, war bis dato kein religiöses Gefühl dabei.

Ich kann berichten, dass die schwerste Messe, die ich je gesungen habe, die Rheinberger-Messe in c war. Schwer war dabei nicht der Alt-Part (der ist wunderbar und sogar allein gesungen melodisch schlüssig; die Messe ist eine meiner Lieblingspartituren), sondern die Tatsache, dass eine Freundin einen Tag vorher mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Sie schwebte über eine Woche zwischen Leben und Tod. Unter diesen Umständen das Credo und das Agnus Dei zu singen brachte mich bis ans Ende meiner Kräfte. Ich habe an mehreren Aufführungen mitgewirkt, bei denen das Publikum in Tränen schwamm. Mir selber ist es nur damals passiert.

Also schlich ich mich in meinem Text an alles heran, das bei mir eine Grenzreaktion hervorrief, und würzte es mit der Ideologie der Sternentempel. Ob mir die Szenen wirklich so miserabel gelungen sind, wie ich befürchte, werde ich frühestens nächstes Wochenende nachverfolgen. Bis dahin wird dieser Bereich des Textes eingemottet, damit ich nicht zu früh daran herumpfusche.

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