Depression

(Projekt NR: Abgeschlossen und abgegeben. Projekt HE: Planungsphase)

Aus gegebenem Anlass – der Selbstmord eines gewissen Torhüters – möchte ich  einen Stimmungstext zur Depression zum Besten geben. Diese Krankheit wird von den meisten Menschen nicht verstanden und gerne mit dem berühmten “dann reiß dich doch endlich zusammen und mach’ was aus dir” kommentiert. Das wird weder der Krankheit noch den Kranken gerecht.

Es ist einfacher, sich über andere Probleme zu äußern. “Ich hatte in der Vergangenheit einen komplexen Beinbruch, der mir noch nach einem Jahr Ärger gemacht hat” wird viel eher aktzeptiert als die Aussage “ich hatte eine schwere Depression.” Ersteres ist auch kein Hindernis bei einem neuen Arbeitgeber, letzteres kostet dem Bewerber höchstwahrscheinlich jede Chance auf den Job. Insofern ist Schweigen – das einem Depressionspatienten sowieso näher liegt als Reden – echtes Gold: Kein öffentliches Stigma, keine im Voraus vertanen Chancen.

Gleichzeitig ist das natürlich nicht hilfreich: Wer etwas weiß, schweigt. Wer nichts weiß – pflegt unerkannte Vorurteile. Fangen wir also mit dem Outing an: Ich bin schilddrüsenkrank. Mein Immunsystem frisst meine Schilddrüse, jeden Tag ein bisschen mehr. Damit kann die Schilddrüse nicht genug Hormone produzieren. Deshalb bin ich lebenslänglich auf Medikamente angewiesen: Ich muss die Hormone, die die Schilddrüse nicht mehr herstellt, als Tablette zu mir nehmen.

Na also, das Gebrechen ist raus. War doch gar nicht so schlimm.

Was nicht so viele Leute wissen: Schilddrüsenfehlfunktionen gehen nicht nur mit Haarausfall und Schlappheit einher. Zu ihren Symptomen gehören auch Schlaflosigkeit oder Schlafsucht, verminderte geistige Leistungsfähigkeit und – Trommelwirbel – die Depression.

Da haben wir das Wort. Depression. Bevor mein Schilddrüsenproblem erkannt wurde, hatte ich auch diese Krankheit. Latent seit meinem achten Lebensjahr, akut für vier lange Jahre in der näheren Vergangenheit. Die Ausprägung, die mir die Ärzte bescheinigten, war “schwer”.

Schwer bedeutet unter anderem, dass der Patient durch die Krankheit allen Lebensmut verloren hat. Ich konnte nicht in die Küche gehen. Dort lagen die Küchenmesser. Sie sahen mich sehr einladend an. Ein Schnitt hier, ein Schnitt da, und ich wäre für meine Lieben keine Belastung mehr. Es wäre alles ganz schnell vorbei.

Oder Brücken. Wir hatten einen Wehr vor dem Haus. Ich bin Rettungsschwimmer. Wenn ich in einen solchen Wehr springe, dann kann ich es auch so einrichten, dass ich kaum noch lebendig aus der Gefahr entkomme. Die Versuchung war groß. Anstatt zu springen, rannte ich zum Arzt. Das ist wohl der einzige Grund, weshalb ich noch lebe.

Ich erhielt starke Antidepressiva. Die Nebenwirkungen waren übel, aber die Selbstmordgedanken machten sich mit steigender Dosis rarer. Nach und nach eroberte ich mir Selbstverständlichkeiten zurück: Sprechen. Laufen. Schreiben. Mit Menschen zu kommunizieren. Handarbeiten. Es dauerte Jahre, bis ich wieder “ich” war.

Wirklich “geheilt” wurde ich aber erst, als ich Schilddrüsenhormone erhielt. Aber die Depression hat Spuren hinterlassen. Ich kann über die Krankheit reden, aber es ist schwierig, für die wortlose Verzweiflung der Depression Worte zu finden. Ein Bericht über die Depression verlangt mehr von mir als zehn Romanseiten.

Wie fühlt es sich also an, mit einer Depression?

Du bist bei Freunden zu Gast. Dein Freund stellt dir ein Glas und eine Flasche mit Wasser hin und sagt, “nimm dir, was du magst.”

Du bist durstig. Du möchtest das Wasser trinken. Es ist ganz einfach: Du streckst die Hand aus, nimmst die Flasche, schraubst den Deckel ab, gießt ein, drehst die Kappe auf, stellst die Flasche zurück, lässt los und nimmst das Glas, um daraus zu trinken. Dies ist dein erster Gedanke. Aber zwischen jeden dieser kleinen Schritte entfalten sich noch weitere Schritte, die du unternehmen müsstest, um an dieses Wasser zu kommen. Du erkennst, wie viel schief gehen könnte, welche Details du beachten musst. Nachund nach erstreckt sich ein unendlicher Hindernisparcours vor dir, und das ist nur die Anstrengung, das Wasser in das Glas zu bringen. Danach liegt noch das Trinken, bestehend aus dem Fassen des Glases, dem Hochheben, dem Nicht-Verschütten…

Du kannst nicht mehr. Es ist dir alles zuviel. Zwischen deinem Durst und dem Wasser liegt eine unüberwindliche Schlucht, ein weites, unüberwindbares Meer. Du schämst dich deiner Schwäche, und dir entwischt eine Träne. Und über diesen Mangel an Selbstbeherrschung verachtest du dich noch mehr, denn welcher Mensch weint schon über einen Schluck Wasser?

Irgendwann kommt dein Freund zurück. Du sitzt erstarrt vor dem leeren Wasserglas. Er gießt sich sein eigenes Glas ein und trinkt. Er fragt, “wie geht es Dir?”

Du fühlst dich entsetzlich. Aber deine Furcht davor, deinen Freund zu belasten, verhindert, dass du dich äußerst. Er hat genug eigene Probleme, du musst ihm deine nicht auch noch aufbürden. Du hältst deine übliche Maske eines ruhigen Gesichts aufrecht, lächelst und sagst, “gut natürlich. Wie sonst?”

Das ist Depression. Ein zweiminütiger Ausflug in die Hölle, die Depressionskranke jahrelang durchleben. Depression ist eine schwere Krankheit, die zum Tode führen kann. Rund 90% aller Selbstmorde sind Folgen der Depression oder einer verwandten Erkrankung.

Ich hatte Glück. Die Depression war nur ein Symptom meiner eigentlichen Krankheit, und seit die Schilddrüse behandelt wird, geht es mir wieder gut. Andere Betroffene haben diesen “billigen” Ausweg nicht – sie müssen ihr ganzes Leben mit der Krankheit verbringen, und ihre einzige Chance besteht darin, ein besser wirkendes Antidepressivum zu bekommen. Ein Medikament, das neben seiner Hauptwirkung eben nicht zwei Kilometer Nebenwirkungen aufweist.

Mit Faullenzen, sekundärem Krankheitsgewinn und mangelnder Selbstbeherrschung hat das nichts zu tun.

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1 comment to Depression

  • Stephan

    Eine schön anschauliche Beschreibung der Krankheit. Ich kenne zwar zwei, drei Leute deren Depressionen schon zu ernsthaften Selbstmordversuchen geführt haben, aber für mich selbst ist das eine völlig fremde Welt. Von daher sind das für mich sehr interessante Einblicke.

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