Bei Ausgrabungsarbeiten auf der Platte meines rettungslos mit Papier zugeschütteten Schreibtischs –die meisten Unterlagen sind übrigens Papierkrieg zugunsten und zulasten unseres Sohnemanns –fand ich einen etwas betagten Aufschrieb. Das Papier stammt aus einer Übersichtsvorlesung zum Strafrecht im Italien vom Mittelalter bis zur Neuzeit und stand bei der Namenswahl meines ersten Romans Pate. Die Beschreibung eines peinlichen Nachtrichters in Venedig und die maraskanische Interpretation der aventurischen Gottheit Phex/Feqz gehören einfach zusammen:
“Vor die peinlichen Nachtrichter,deren gleichfalls sechse sind,gehören alle nächtlichen Verbrechen,unter welcher Benennung Diebstahl,Mordbrennen,Nothzucht,Vielweiberei,geplünderte Erbschaften,Verwundungen und andere Zufälle begriffen sind,welche sich unter Begünstigung der Finsternis zu ereignen pflegen. (…)
Sie haben die Vollmacht,die Schuldigen nach Befinden mit Gefängnis,Verbannung,Leibes- und Lebensstrafe zu belegen.”
(Johann C. Maier,Beschreibung von Venedig (1789),S. 230)
Irgendwie passte das perfekt auf den Charakterentwurf meiner Hauptperson(en). Während der gnädige maraskanische Tagrichter –Brüderchen Praios –auch mal ein Auge zudrückt oder etwas linder urteilt,ergeht der Spruch des Nachtrichters –also Brüderchens Phexen –mit dem Messer. Man überlege sich also,welche Gottheit man verärgert.
Hm,
gut,ich bin nicht wirklich in Aventurien zuhause (mehr der “Forgotten Realms”-Typ des Rollenspielers,damals),aber eigentlich kam mir ja Phex immer vor wie der,der mal ein auge zudrückt (oder auch zwei) wenn’s denn dem spaß dient,während Praios,unbarmherziges Gleißen der Sonne und so,immer weit eher was vom gnadenlosen Ever-Do-Good hat.
Phex ist nicht düster genug,um nervig zu sein,wie ein wirklich dunkler Gott –aber Praios der typische Lichtie und damit recht unausstehlich für den normalsterblich fehlerhaften Mensch und Abenteurer.
Aber gut,das ist eine persönliche Ansicht und Einstellung,der wohl auch entspringt,dass das Wort “Paladin”auf unserer damaligen Spielwelt einen recht unguten Beigeschmack von “gnadenlosem Abschlachten der Ungläubigen,ihrer Familie,ihrer Haustiere und jedes,mit dem sie je gesprochen haben”hatte.
Im DSA hat für mich Praios diesen Typ verkörpert. War wohl immer mehr der Phex-Typ. *g*
Hallo Tom,
Ich habe absichtlich eine eher obskur-tulamidische Grundinterpretation seiner Göttlichkeit als Grundlage genommen. Die Praioten waren ja “immer schon”die spanische Inquisition in rotgoldenen Roben,während Phex es mit den Gesetzen nicht allzu genau nahm. Schon zu DSA3-Zeiten schien mir diese Darstellung der zwei “Kirchen”etwas kurzsichtig.
Als ich mich dann für ein Abenteuer etwas näher mit Maraskan und den Tulamidenlanden beschäftigt habe,kam mir in Verbindung mit den Tag- und Nachtrichtern von Venedig *die* Idee einer logischen Umgestaltung des bestehenden Materials. Ich musste noch nicht einmal Regeln in Brezelform bringen,um es stimmig zu halten.
Jau,auch ich bin ein Phexanhänger. Mein allererster Streuner ist mittlerweile auch zur holden Geistlichkeit übergelaufen. Paladine sind Helden. Helden (achtung,schmutziges Wort) werden Helden,wenn sie so dämlich sind,sich für ihre Sache umbringen zu lassen. Also sind Paladine beinahe zwangsläufig tot…