Muss denn alles uralt sein?

“Encaustic – eine uralte Wachsmalkunst. Schon die alten Ägypter und Griechen haben mit dieser Technik ihre Totenmasken bemalt …”
“Fussreflexzonenmassage – eine uralte heilkundliche Technik. Schon die Indianer Nordamerikas …”
“Wicca – eine uralte druidische Religion. Ihre Lehren wurden seit der Zeit Caesars im Geheinem und fern des Zugriffs des Christentums tradiert …”
“Filzen – ein uraltes Handwerk. Schon die Reitervölker der Mongolei …”
“Nadelbinden – die älteste überlieferte Textilkunst …”

Viel beschworen wird gegenwärtig der Jugendwahn. Alles muss hübsch, jung, faltenfrei und schlank aussehen. Nur Handwerkstechniken. Die dürfen uralt sein. Nein, sie müssen uralt sein. Sonst sind sie nicht gut.

Selbst wenn die moderne Encaustic, also das Auftragen von buntem Wachs auf heißen Bügeleisen, die dann auf einem Blatt Papier abstreift werden, mit dem direkten Bemalen von vorher erwärmten Totenmasken wenig zu tun hat. Ich wage da die Behauptung, dass irgendwann einmal jemand auf die Idee kam, Kerzenreste auf Bügeleisen zu schmelzen. Und das unabhängig davon, was die Ägypter und Griechen für ihre Verstorbenen getan haben. Das ist eine kulturelle Parallelentwicklung, die keine ursächlichen Zusammenhänge kennt, aber die gleichen Materialien benutzt, um ähnliche Effekte zu erreichen. Dreitausend Jahre voneinander getrennt.

Ähnliches kann man zum Nadelbinden sagen: Eine verlorene Kunst. Nadelgebundene Socken und Mützen wurden jahrelang für auf rechts gestrickt gehalten. Erst der Arbeit einiger findiger Frauen wurde die Nadelbinderei als solche erkannt und wiederbelebt. Die Nadelbinderei hat keine uralte Tradition – sie ist eine neue Nachahmung alter Techniken.

Nur die Filzerei hat die Tradition, die ihr nachgesagt wird: Seit Jahrtausenden filzt und walkt die Weberin, der Weber, die Filzkünstler. Diese Technik ist nie in Vergessenheit geraten, nur ihre Namen wandelten sich im Laufe der Zeit: Filzhut, Lodenmantel, Walkfrottier. Es gibt wunderschöne Filzereien aus Gräbern der Bronzezeit, und geniale Filzkonstrukte in jeder Epoche bis zur Jetztzeit. Ein wahrlich uraltes Handwerk, genauso alt und traditionsreich wie die Weberei. Nur hat die Weberei nicht die Lobby der Filzer – und ist deshalb nur ein hauptsächlich von Maschinen ausgeübtes Handwerk, keine uralte Textiltechnik.

“Uralt” als Begriff ist “in” und wertet alles auf, das nicht jung sein muss. Aber nicht alles, was als uralt bezeichnet wird, ist es auch.