Kimono-Herstellung

Dieser Artikel entstand 2003. Die Ursprungsfassung war eine Seminararbeit in Landeskunde Japans, die ich seither mehrmals überarbeitet habe. Die damalige Bewertung war 1,6; der Artikel ist also sowohl als wissenschaftliches Klein(st)werk als auch als Nähanleitung für Kimono zu benutzen.


1 Kimono-Typen

Violetter Furisode, Nami-Muster

Violetter Furisode, Nami-Muster

Kimono – traditionelle japanische Kleidung – läßt sich je nach Betrachtungsweise in verschiedene Kategorien einteilen. Die für Europäer gefälligste ist wohl “Kimono” und “Andere”, wobei “Kimono” für das bekannte knöchellange Wickelgewand mit breitem Gürtel und “Andere” für im Allgemeinen weniger bekannte Kleidungsstücke wie Hakama, Haori und Hanten steht.

Andere Einteilungen beziehen sich auf die Formalität des Kimono – Kleidung für den Alltag (die heute kaum mehr getragen wird) und Kleidung für besondere Anlässe, die man auch heute noch sieht. Diese Gruppierungen werden an manchen Stellen noch einmal angesprochen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem “Standardkimono”, der von der Verarbeitung her in zwei Gruppen zerfällt: Männer- und Frauenkimono. Diese beiden Typen sind vom Erscheinungsbild ähnlich, aber wichtige Details sind in der Näherei versteckt. Der offensichtlichste Unterschied liegt in der Ärmellänge.

1.1 Männerkimono

Kimono, die von Männern getragen werden, sind so zugeschnitten, dass sie mehr oder weniger sofort und mit einem recht dünnen Obi getragen werden können. Die Ärmel sind relativ kurz, rundum geschlossen und rechtwinklig ausgeführt.

1.2 Frauenkimono

Frauenkimono sind auf die gesamte Körpergröße ihrer Trägerin zugeschnitten und müssen zum Tragen in der Taille eingefaltet werden. Unter dem breiten Obi finden sich drei oder mehr “Unter-Obi” (Date-jime unter dem Kimono, Koshi-himo, Date-jime über dem Kimono) und einige Accessoires mehr.

Die Ärmel sind an der Vorderseite geschlossen und an der unteren Ecke abgerundet, während die Rückseite der Ärmel offen bleibt. Die Ärmellängen variieren nach dem Typ des Kimono.

1.2.1 Furisode

Furisode ist der formelle Kimono für junge Frauen. Die Ärmel sind sehr lang (Furisode – fliegende Ärmel) und haben verschiedene Bezeichnungen. Die Rundung am Ärmelende ist großzügig.

Oburisode Volle Ärmel. Ungefähr 105cm, manchmal auch länger

Chuburisode Halblange Ärmel. Ungefähr 90cm.

Kofurisode Kurze Ärmel. Ungefähr 75cm.

1.2.2 Tomesode

Diese Kimono werden in der Regel von verheirateten Frauen getragen. Die Ärmellänge liegt zwischen 55cm und 70cm, abhängig vom Anlass und dem Alter der Trägerin. Die Rundung am Ärmel ist recht eng.

2 Nähtechniken

Jedes japanische Kleidungstück nach altem Schnitt wird direkt von den 35 bis 38cm schmalen Stoffballen herunter gearbeitet – idealerweise mit möglichst wenig zerschnittenem Stoff. Die traditionellen Nähtechniken sind darauf ausgelegt, die Stoffbahnen zwar zusammenzuhalten, aber den wertvollen Stoff (bis vor rund 100 Jahren spann, webte und nähte ein Mädchen ihre Aussteuer selbst1,2) vor übermäßiger Belastung zu schützen.

2.1 Handnähen

Traditionelle Kleidung – vor allem Seidenkimono – wird bis heute mit der Hand genäht. Die (im Vergleich zur Nähmaschine) sehr feinen Nähnadeln und in der Regel nur per Hand ausführbaren, für Kimono verwendeten Stiche schonen den Stoff und ermöglichen das leichte Auftrennen der Nähte zum Waschen, Reinigen und Ausbessern3 der Bahnen. Sollte auf einer Naht zu viel Spannung liegen, reißt der Nähfaden eher als das Gewebe4. Solche Schäden sind im Gegensatz zu zerissenem Stoff leicht und unauffällig zu beheben.

Üblicherweise wird für Handnähte Seidenfaden verwendet, der durch seine geschlossene Struktur leicht durch den Stoff gleitet. Dazu ist er Widerstandsfähig, stabil und trotzdem leicht entfernbar.

Die üblichen japanischen Handnähstiche (Wie beschrieben in “Make your Own Japanese Clothes” von John Marshall und im Gespräch mit Frau Oda erfahren) haben genaue europäische Entsprechungen in der “Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten” von Thérèse du Dillmont, einem immer noch nicht überholten Handarbeitsbuch um 1900. Bei der deutschen Nomenklatur richte ich mich nach Dillmont.

2.1.1 Nami-nui (Vorstich)

“Der Vorstich ist der erste und einfachste aller Stiche. Es wird die Nadel stets in waagerechter Richtung gerade unter 3 bis 4 Fäden, dann wieder über so viele geschoben. Wenn es das Gewebe gestattet, so werden mehrere aufeinanderfolgende Stiche gemacht, befor die Nadel mit dem Faden ausgezogen wird. Dieser Stich wird zu einfachen Nähten, zur Vereinigung leichter Gewebe, zu gelegten Säumen und zum Ziehen gelegter Falten verwendet.”5

Thérèse du Dillmont geht bei dieser Beschreibung von den um 1900 in Europa erhältlichen Geweben mit einer Fadenzahl von 40 bis 60 Fäden auf 10cm Stoff aus. In ihrer Beschreibung ist die Stichlänge für drei bis vier Fäden also drei bis fünf Millimeter. Bei den sehr feinen japanischen Seidengeweben ist diese Fadenzählung natürlich nicht praktikabel, die übliche Stichlänge ist 3mm bis 4mm. Für du Dillmonts Technik wird die Nadel bewegt.

Der japanische Vorstich wird bei stehender Nadel ausgeführt. Der Stoff wird auf die Nadel gefaltet und dann ausgezogen6. Dies resultiert in geraderen Durchstichen durch die Stofflagen. Der Vorstich wird vor allem für Säume benutzt.

2.1.2 Fukuro-nui (Französische Doppelnaht)

“Stoffe, welche sich leicht ausfasern, verbindet man durch die sogenannte Französische Naht. Man legt zwei Stoffteile, die beiden Kehrseiten (linken Seiten) gegeneinander, die Schnitttkanten gleichlaufend aufeinander, und verbindet sie einige Millimeter tiefer durch Vorstiche. Ist diese Naht vollendet, wendet man die Teile so, dass die beiden Rechtseiten (rechten Seiten) derselben nach Innen liegen, biegt sie genau an der Nahtkante um, den Schnitt so zwischen zwei Stofflagen einschliessend und vollendet die Naht durch eine zweite Vorstichreihe. Nach der Aussenseite dürfen keine Fasern sichtbar sein. Diese Naht wird meistens beim Kleidermachen für leichte Stoffe, bei welchen eine andere Einfassung nicht gut anbringlich, verwendet.”7

Bei identischer Ausführung wird dieser Stich bei japanischer Kleidung für die Ärmelnähte von ungefütterten Kimono verwendet.

2.1.3 Hangaeshi-nui (Rück- oder Hinterstich)

“Man führt die Nadel in den Stoff ein, sticht sie 6 Fäden weiter wieder heraus, dann legt man den Faden von links nach rechts, führt die Nadel 3 Fäden hinter dem Ausgangspunkt ein, um sie 6 Fäden weiter vor demselben wieder herauszuziehen.”8

Der von du Dillmont beschriebene Stich ist sehr eng. Dieser Stichtyp kann aber ohne weiteres bis zum einseitigen Blindstich gedehnt oder bis zum Steppstich verengt werden. Er wird in der Regel für Säume verwendet, die viel Zerrung und Dehnung auszuhalten haben. Die Stofflagen sind dabei zuverlässig verbunden und können sich nicht verschieben.

2.1.4 Osae-nui (Haltestich)

Thérèse du Dillmont ordnet diesen Stich zum Vorstich ein, welcher dann nur auf einer Seite des Stoffes erscheinen darf, während er auf der Rückseite des Stoffes weit (ca. 8mm) ausgezogen wird.

2.1.5 Überwindlingsstich

“Der Überwindlingsstich dient zur Verbindung zweier Webekanten. (…) Der erste Stich ist von rechts nach links unter dem ersten Kantenfaden ein und durch beide Stofflagen durchzuführen, der nächste in einer Entfernung von 2, höchstens 3 Fäden zu machen. Der Nähfaden darf nicht allzu stramm angezogen werden.”9

Dieser Stich wird in der Regel auch zum provisorischen Versäubern von Schnittkanten benutzt. In dem Fall wird er aber recht großzügig ausgeführt, da diese Naht vor dem endgültigen Nähen wieder aufgetrennt wird.

2.1.6 Hon-guke (Saumstich)

“Der Saumstich wird in folgender Weise ausgeführt: Man führt die Nadel einen Faden tiefer, als der Saum liegt, ein, stellt sie ein wenig schräge, um sie zwei Fäden oberhalb des Saumes hinauszuführen. Die folgenden Stiche werden 2 bis 3 Fäden weiter in derselben Weise hemacht, eine streng gerade Linie einhaltend.”10

Dieser Stich wird benutzt, um den Kimonokragen “unsichtbar” zu befestigen.

2.1.7 Kannuki-dome (Riegel)

“… Macht man in der Tiefe des Einschnittes einen kleinen Halbkreis aus Knopflochstichen und oberhalb derselben spannt man mehrere Fäden, welche beide Seiten verbinden und ebenfalls zu verschlingen sind.”11

Für einen japanischen Riegel sticht man drei oder vier Fäden über die entsprechende Naht und umsticht diese Fäden auf beiden Seiten mit Überwindlingsstichen. Die Basisfäden sollten nicht zu fest gezogen werden, da sonst der Stoff Falten schlägt und die Gewebefäden verzogen werden.

2.2 Maschinelles Nähen

Maschinelles nähen ist für (Seiden-)Kimono und andere traditionelle Gewänder der höheren Preisklasse nicht üblich. Straffe Maschinennähte sind schwer aufzutrennen und meist stabiler als der verarbeitete Stoff. Feine Seidennadeln und eine Nähmaschine sind nicht unbedingt leicht kombinierbar, da die in der Nähmaschine auftretenden Kräfte diese Nadeln leicht brechen lassen. Nähtechnisch müssen sowohl bei europäischer Kleidung als auch bei traditioneller japanischer Kleidung viele Details beachtet werden, die im Falle japanischer Kleidung beim Handnähen leicht, mit der Nähmaschine aber nur schwer oder überhaupt nicht realisierbar sind.

Ein Beispiel ist die vordere Naht und Kurve am Ärmel eines Frauenkimono. Nach Schnitt und für einen guten Fall des Ärmels darf der überflüssige Stoff auf der Innenseite der unteren Ärmelkurve nicht ein- oder herausgeschnitten werden. Der viereckig geschnittene Stoff muss aufgeheftet, gefältelt und fixiert werden, ohne dass die Stoffansammlung von außen sichtbar wird. Beim Nähen mit der Hand ist dies recht einfach zu realisieren: nach dem Nähen der außen sichtbaren Ärmelnaht werden auf der Innenseite des Ärmels und der Außenseite der Kurve eine Doppelreihe Heftfäden eingezogen, auf denen der überflüssige Stoff eingefältelt wird, bis die Kurve auf der Außenseite glatt liegt. Dann wird die Stoffansammlung mit ein paar Blindstichen fixiert und ausgebügelt.

Für diesen Vorgang ist mir keine Maschinentechnik bekannt. Billige, maschinengenähte Yukata werden direkt mit Ärmelkurve zugeschnitten und genäht und sind dadurch nicht auftrenn- und auswechselbar. Er verhält sich dann wie ein europäisches Kleidungsstück, das nach seiner Herstellung nicht wieder aufgetrennt wird, bis seine nützliche Lebenszeit als Kleidung verstrichen ist.

1 Dalby, Liza: Kimono, S. 158
2 Neuss-Kaneko, Margaret: Familie und Gesellschaft in Japan, S. 38
3 Dalby, Liza: Kimono, S. 70
4 Marshall, John: Make your own Japanese Clothes, S. 4
5 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.5
6 Marshall, John: Make your Own Japanese Clothes, S. 7
7 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.9
8 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.5
9 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.8
10 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.7
11 Dillmont, Thérèse du : Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten, S.15

3 Vom Ballen zum Kimono

3.1 Der japanische Seidenballen

Ein japanischer Seidenballen, der zur Verarbeitung als Kimono vorgesehen ist, ist zwischen 35cm und 40cm breit und 10m (Männerkimono) bis 15m (Frauenkimono, Furisode) lang. Das alte Ballenmaß für einen Kimono, 1 Tan entspricht einer Ballenbreite von 38cm auf einer Länge von 10,6m1.
Die Seide ist, abgesehen von der aufgebrachten Farbe und Fixierung, in der Regel nur gering ausgerüstet, meist nur appretiert. Vorwaschen oder Einlaufen des Gewebes ist nicht üblich. Dadurch ist ein fertiges Kleidungsstück nur begrenzt waschbar. Das Auftrennen zum Waschen, das für traditionelle Kleidungsstücke üblich ist, erklärt sich daraus. Die Stoffbahnen werden ausgewaschen, zum Trocknen auf ihre ursprüngliche Länge gestreckt und wieder zusammengenäht.
Der durchschnittliche Einsprung eines unbehandelten Seidenstoffes beträgt 3-9%, bei sehr losen Geweben durchaus auch 15-20%2.

3.2 Saki zome “Gewebte Kimono”

Kimono werden gerne nach der Reihenfolge von Färbeprozess und Weben klassifiziert. Die Saki zome – Kimono (gewebte Kimono) werden aus stranggefärbten Fäden hergestellt, Ato zome – Kimono werden “weiß” gewebt und als Stoff bemalt.
Ein Beispiel für gewebte Kimono sind die Tsumugi-Kimono, ein Typ, der bis vor ca. 50 Jahren in allen Gegenden Japans hergestellt wurde.
Tsumugi wird aus gesponnener Seide hergestellt (tsumugu-spinnen), die meist mit Batiktechniken auf dem Strang gefärbt wird. Tsumugi-Gewebe waren ursprünglich “Bauernkleidung”, da die wertvolle Haspelseide verkauft oder als Steuern abgegeben werden musste3, und nur die kurzfaserigen – wertlosen – Seidenreste für den Eigenbedarf der Seidenzüchter verwendet werden konnten.
Das Aufspinnen der Seide, eine Arbeit, die traditionellerweise von Frauen im mittleren Alter ausgeführt wird (Grund dafür ist der Hormongehalt des Speichels, der beim Spinnen zum Glätten der Seidenfäden verwendet wird), dauert pro Kimono 20 bis 45 Tage4.
Die gesponnene Seide wird als Strang oder auf speziellen Musterbrettern mit Baumwollfaden abgebunden und mehrfach gefärbt. Nach dem Färben wird der Seidenfaden für besseren Zusammenhalt und einfachere Verarbeitung beim Weben mit Reisstärke behandelt. Die Seidenfäden werden für Kette und Schuß verwendet, die entstehenden Muster variieren sehr stark; sie sind abhängig von den jeweiligen Färbe- und Webmustern der Gegend, in der der Stoff hergestellt wird5. Das Weben auf einem japanischen halbmechanischen Handwebstuhl mit Schäften und japanischer Handschütze schreitet mit 61cm bis 76cm pro Tag voran, ein Tsumugi-Kimonostoff kann also in 15 bis 18 Arbeitstagen hergestellt werden.6
Der fertige Stoff wird mit heißem Wasserdampf behandelt, der die Farben in der Seide fixiert und die Seide in ihrer gewebten Form stabilisiert7.

3.3 Ato zome “Gefärbte Kimono”

Der Einkauf eines formellen Kimono ähnelt dem in-Auftrag-Geben eines Kunstwerks. Die Käuferin erwirbt bei einem Spezialhändler einen Ballen weißer, unbearbeiteter Seide, entscheidet sich für eine Basisfarbe, das aufzubringende Muster und beschreibt ihre Vorstellungen bezüglich des Stils. Der “Händler” organisiert die notwendigen Arbeitsschritte und liefert den fertigen Kimono aus.8

Ist der Kimono besonders edel/formell, so wird sogar schon das Webmuster des Basisstoffes – dann ein sehr feiner Damast – vom Designer entworfen und in einer (Hand-)weberei in Auftrag gegeben9. Diese Stoffe sind verständlicherweise sehr teuer. Eine webende Ainu-Frau verdoppelt unter Umständen mit einer einzigen Auftragsarbeit das Jahreseinkommen ihrer Familie.

Die im Folgenden beschriebene Bearbeitungsmethode heisst Yuzen10, eine komplexe Mischtechnik, die Stärke-Konturen, Seidenmal- und Stickereitechniken in sich vereint.

3.3.1 Übertragen des Musters

Die fertig gewebte Seide wird vom Ballen genommen und gespannt. Das von der Kundin ausgewählte Design wird vom Musterblatt (meist ein Nesselstoff, der in der fertigen Kimonoform bemalt und dann wieder aufgetrennt wurde) auf die weiße Seide übertragen.

3.3.2 Aufbringen der Farben

Die erste aufgebrachte Farbschicht ist eine Konturenfarbe (in der traditionellen Technik eine Reisstärke-Paste), die das charakteristische Verlaufen der Seidenfarben verhindert. Sie schließt alle Flächen ein, die eine andere als die Basisfarbe erhalten sollen. Sojabohnensaft wird als Beizmittel aufgetragen, um die Seidenfarbe besser in die Fasern eindringen zu lassen. Über der Konturenfarbe wird eine Stoppschicht angebracht, die das Eindringen der Grundierung verhindert.

Sind alle Farbbereiche gesichert, so wird die Basisfarbe mit einer dicken Bürste von rechts auf die gesamte Seide aufgetragen. Nach einer Trockenphase wird die Farbe unter Dampf fixiert, die Stoppschicht abgenommen und das ausgesparte Design von Hand ausgemalt.

3.3.3 Nachbearbeitung und Stickerei

Nach dem letzten Fixieren der Seidenfarben wird die zuerst aufgebrachte, voluminöse Konturenfarbe entfernt und der Stoff gewässert. Danach werden die freien Flächen von Hand nachgestickt. Abschließend werden die Bahnen mustergenau übereinandergelegt und zum fertigen Kimono zusammengenäht.

3.4 Zuschnitt

Das prinzipielle “Schnittmuster” eines Kimono ist sehr einfach und für jeden Kimonotyp gleich. Bei Männer- und Frauenkimono besteht der Hauptunterschied in der Länge der Leibbahnen, bei den verschiedenen Frauenkimono in der Ärmellänge.

3.4.1 Berechnung des Stoffverbrauchs und der Ärmellänge

Die Länge eines Männerkimono entspricht dem Abstand Boden-Schulter des Trägers. Die Ärmel sind zwischen 30 und 50cm lang. Diese Größen sind relativ fixiert. Aber auch für Männerkimono sollten die folgenden Berechnungen angestellt werden.

Die Länge eines Frauenkimono entspricht der Körpergröße der Trägerin. Da Kimono-Seide im ganzen Ballen gekauft wird, muss – beim Kauf eines Fertigballen – zuerst die gesamte Stofflänge ausgemessen und dann umgerechnet werden. Die Ärmellänge ist die relativ freie Variable im Zuschnittssystem; deshalb muss sie Überlängen auffangen oder fehlenden Stoff bereitstellen.

Bei einer Frau mit 170cm Körpergröße und einem Seidenballen von 12 Metern Länge wird der Stoffverbrauch folgendermaßen berechnet:

Für den Leib 170cm*4 = 680cm (zwei Doppellängen)
Für die Besätze 170cm*1 = 170cm (Besatz ist halbe Stoffbreite)
Für den Kragen 170cm*1 = 170cm (Kragen auch halbe Breite)
Gesamt ohne Ärmel 1020cm

Bei einer Stofflänge von 12m bleiben also
Kimono-Stoff 1200cm
Kimono ohne Ärmel 1020cm
Für Ärmel zur Verfügung stehend 180cm

Maximal mögliche Ärmellänge
Länge für 2 Ärmel gesamt 180cm
Länge für 1 Ärmel gesamt 90cm
Sichtbare Ärmellänge eines Ärmels 45cm

Frauenkimono haben eine Ärmellänge von mindestens 55cm. Die berechnete Ärmellänge ist also für einen Frauenkimono jeden Typs zu kurz – sie rückt sogar schon in den Bereich des Männerkimono. Diese Berechnungsmethode folgt allerdings den alten Zuschnittregeln. Um die Ärmel auf eine akzeptable Länge zu bringen, können auch bis zu 5cm von der Körperlänge abgezogen werden, was aber den Trageigenschaften des Kimono nicht unbedingt entgegenkommt, da diese 5cm aus der Bauchfalte stammen. Eine weitere Sparmöglichkeit ist das Verkürzen der Besatzstücke um 20cm, da diese Länge immer in den Kragen eingefaltet wird. Allerdings verliert der Kragen damit an Festigkeit.

3.4.2 Zuschnitt des Kimono

Ein “echtes” Kimonoschnittmuster im europäischen Sinne existiert nicht, es ist eigentlich auch nicht notwendig.

Der Stoff wird vom Ballen genommen und anhand der vorher berechneten Längenmaße zum Schneiden gekennzeichnet. Die beiden Leibstücke werden von den Enden des Stoffes genommen, um von den muster- und farblosen An- und Abwebkanten für den Saum Gebrauch zu machen. Bestätigen sich die vorher berechneten Maße, so wird der Stoff zuerst in Schuß- und dann in Kettrichtung auseinander geschnitten. Es ist in Japan nicht üblich, die Seide zu reißen, da dadurch wertvolle Zentimeter des Stoffes verloren gehen.11

3.5 Sicherung der Schittkanten

Nach dem Zerschneiden müssen die Schnittkanten gegen Ausfransen geschützt werden. Dafür werden die Kanten umnäht.

Man benutzt in der Regel den Überwindlingsstich, der nicht allzu fein ausgeführt wird, da die im Laufe der Arbeit benutzten Handnähtechniken für die ordentliche Versäuberung der Schnittkanten sorgen. In den meisten Fällen wird der Stich wieder entfernt, da er zu sehr aufträgt. Ist die Seide sehr fein, so kann auf das vorläufige Versäubern auch verzichtet werden, da der Stoff nicht schneller franst, als er verarbeitet werden kann.12

3.6 Legen der Stoffbahnen

Nach (oder eigentlich schon vor) dem Zerscheiden des Stoffes stellt sich die Frage, wie der Kimono zusammengesetzt werden sollte. Bei unifarbenen Stoffen ohne Webmuster ist die Lage der Bahnen gleichgültig, solange rechte und linke Stoffseite nicht verwechselt werden. Bei teureren Designer- und Musterstoffen wird die Lage der Bahnen beim Auftragen des Musters bestimmt. Bei gemusterten (Druck-) Stoffen weniger hoher Preisklassen und bei Stoffen, die für Männerkimono entworfen wurden, gibt es allerdings verschiedene Möglichkeiten, die Muster zusammenzusetzen.

3.6.1 Allover-Muster

Yukata, in gegenläufiger Richtung verarbeitetes Muster

Yukata, in gegenläufiger Richtung verarbeitetes Muster

Streumuster
Streumuster werden in der Regel in entgegengesetzter Richtung verarbeitet.

Streifenmuster

Waagerechte Streifen können gleichlaufend oder versetzt, vertikale asymmetrische Streifenmuster in verschiedenen Mustern angeordnet werden.

Diagonale Streifen werden durchlaufend oder in Zickzack-Form angeordnet.

Geometrische Muster

Werden normalerweise so verarbeitet, dass sich das Muster ohne Unterbrechung über den ganzen Kimono fortsetzt.

3.6.2 Tsukesage

Halbformelle, bemalte Kimono wie Tsukesage sind in der Regel so entworfen, dass sie mustermässig “gewendet” werden können – es gibt zwei mustertreue Möglichkeiten, sie zusammenzusetzen. Diese Stoffe werden im Allgemeinen von der Herstellerfirma genäht und fertig geliefert.

3.7 Verarbeitung des Oberstoffes

3.7.1 Die Rückennaht

Die mittlere Rückennaht wird vom unteren Saum her bis zur exakten Mitte (Hals) der beiden Leib-Bahnen geschlossen. Hierfür wird eine doppelte Vorstichnaht gezogen, die erste Naht 2mm – 4mm vom Rand entfernt (dies entspricht in der Regel der Breite der Webkante), die zweite Naht mittig stichversetzt 8mm weiter im Stoff. Die übliche Stichlänge für die Rückennaht ist 3mm. Am oberen Ende der Naht wird mit zwei Stichen ein kleiner Riegel angebracht.

3.7.2 Der Krageneinschnitt

Genau in der Mitte der beiden Bahnen wird rechts und links des oberen Endes der Rückennaht ein waagerechter Einschnitt von 10cm – 15cm Tiefe angebracht. Über diesen Einschnitten und den Besätzen wird später der Kragen genäht. Der Krageneinschnitt wird provisorisch mit Überwindlingsstichen gesichert, da er im Laufe der Verarbeitung grösseren Belastungen ausgesetzt ist.

3.7.3 Die Rückenfalte

In der Mitte des Rückens (etwas über dem unteren Ende der Schulterblätter), ungefähr 25cm unter den Halseinschnitten wird eine 3cm tiefe, nach unten gerichtete Falte gelegt. Diese Falte ist verantwortlich für den charakteristischen, auf dem Rücken “stehenden” Kimonokragen. Durch die Verkürzung des Rückens wird der Kragen nach unten “gezogen” – weg vom Hals. Zusätzlich stabilisiert die Falte den Rücken des Kimono.

Billige Yukata verzichten häufig auf diese Falte und verschieben stattdessen den Krageneinschnitt um 6cm nach hinten.

3.7.4 Besätze

Die Besätze werden vom Saum aus zum Halsausschnitt hin auf ihrer ganzen Länge angenäht. Wird der Kragen angesetzt, so wird der gesamte Überstand in den Kragen eingefaltet. Die Schnittkante zeigt nach innen, die Webkante nach Außen. Die Naht wird als französische Doppelnaht ausgeführt.

3.7.5 Ärmel

Die Verarbeitung der Ärmel ist vom Geschlecht und Alter des Trägers abhängig. Männerkimono haben voll geschlossene Ärmel mit rechtwinkligen Ecken, Frauen- und Kinderkimono auf der Rückseite offene und vorne abgerundete Ärmel. Die verschiedenen Typen von Frauenkimono besitzen Ärmellängen, die von 55cm (Tomesode, kurze Variante)13 bis 105cm (Furisode, knöchellang)14 reichen. Diese verschiedenen Typen verlangen von der Nähtechnik her jeweils eine eigene Behandlung.

Für alle Ärmeltypen in gleicher Weise wird nach dem Einlegen der Rückenfalte die endgültige Schulterlinie (Die Leibbahnen werden mit den Saumkanten aufeinander gelegt, die oben entstehende Stoffbruchkante ist die Schulterlinie) festgestellt und markiert.

Die Ärmel werden einmal Schnittkante auf Schnittkante gefaltet und die entstehende Bruchkante mit der Schulterlinie ausgerichtet. Die Ärmelbahnen bleiben offen, bis der Ärmel an der Schulter befestigt und die Seitennaht geschlossen ist.

Frauenkimono

Frauenärmel werden von der Schulterlinie aus auf einer Länge von 20cm bis 30cm an den Leibbahnen (vorne und hinten) angenäht.

Danach werden die Seitennähte der Leibbahnen vom Saum aus bis 10cm (Tomesode)/ 15cm (Furisode) unter dem Ende der Ärmelnaht geschlossen und mit ein paar Stichen ein Riegel angebracht.

Der Kimono wird auf links gewendet und die Ärmelbahnen am den Webkanten aufeinander gelegt. Die untere Ärmelkurve (klein bei Ärmeln für Tomesode, aber sehr ausgreifend bei Furisode) wird angetragen.

15cm unter dem Ärmelbruch wird die äußere Ärmelnaht mit einem Riegel begonnen und mit Vorstichen geschlossen. Die Kurve wird entlang der angezeichneten Linie ausgeführt und die untere Naht körperseitig mit einem weiteren Riegel beendet.

Der “übriggebliebene” Stoff auf der (gewendeten) Innenseite der Kurve wird auf einer doppelten Vorstichnaht eingereiht, bis die Außenseite Kurve glatt liegt. Die eingereihte Stoffsammlung wird flachgebügelt. Das Abschneiden des übrig gebliebenen Stoffes ist nicht üblich, da sein Gewicht dem Ärmel schön fallen läßt. Auch sind dadurch die Ärmel, wenn der Kimono zur Reinigung aufgetrennt wird, austausch- oder wendbar.

Bei maschinengenähten Yukata wird der Überstand normalerweise abgeschnitten, da die Ärmel zu kurz sind, um auf das zusätzliche Gewicht angewiesen zu sein. In einem Fall (Touristen-Yukata in einem Omiage-Shop im Flughafen Nagoya, gesehen am 23.9.2002) war ein kleines Gewicht in die untere Ärmelkurve eingenäht.

Männerkimono

Wie beim Frauenärmel wird die Schulterlinie mit der Bruchkante des Ärmels ausgerichtet und die Ärmelbahnen mit der Leibbahn verbunden. Ein Männerärmel wird auf einer Länge von 35 bis 40cm (vorne und hinten) befestigt.

Nach dem Schließen der Seitennähte bis 5cm unter die Ärmelnaht wird der Ärmelstoff mit den Webkanten übereinander gelegt und von 15cm unter der Bruchkante an der Aussenseite mit Vorstichen geschlossen. Die inneren und äußeren Ärmelecken sollten möglichst rechtwinklig ausgeführt werden. Auch der körperseitige Überstand des Ärmels wird geschlossen.

3.8 Einbringen des Futterstoffes

Der Futterstoff wird prinzipiell genauso wie der Oberstoff bearbeitet. Er wird in der Regel in einer Kontrastfarbe zum Oberstoff gewählt und ist von leichterer Stoffqualität. Für formelle Kimono werden üblicherweise zwei verschiedene Stoffe für das Innenfutter verarbeitet, um die Kosten für den speziell gefärbten Futterstoff zu senken.

Informelle und Sommer – Kimono werden in der Regel nicht ganz gefüttert sondern nur an Schulter, Ärmel und Gesäß mit einer Stofflage verstärkt.

Eine neue Entwicklung auf dem Kimonomarkt ist der Wendekimono, der beidseitig getragen werden kann.

3.8.1 Halbgefütterter Kimono

Für Sommerkleidung ist ein Vollfutter meist zu warm. Für einen guten Sitz ist es aber dennoch erforderlich, dass die Schultern und das Gesäß verstärkt werden, während die Ärmel durch eine zusätzliche Lage Stoff an visuellem Reiz gewinnen.

Das Ärmelfutter wird in der Regel in einer Kontrastfarbe zum Oberstoff gewählt, und im Fall des Halbfutters nach dem Anbringen der Ärmel am Leib und vor dem Schließen der Ärmelnähte eingearbeitet.

Futter in der vorderen Ärmelöffnung

Ein Stoffstück, ca. 40cm D 20cm, wird rechts auf rechts mittig über dem Ärmelbruch angenäht und nach innen geschlagen. Dort wird es rundum mit Blindstichen befestigt. Der Ärmel wird normal weiterverarbeitet.

Futter in der hinteren Ärmelöffnung

Diese Stelle wird in der Regel nur bei vollgefütterten Kimono “nachgefüttert”; der einfache (üblicherweise weiße) Futterstoff wird in dem Fall mit einem kontrastfarbigen Stoff (meist ein Rest des Oberstoffes) übernäht. Die Nähte stabilisieren außerdem den Sitz des Futters im Ärmel.

Das Überfutter wird in der gesamten Länge der hinteren Ärmelöffnung plus 10cm zugeschnitten. Die Breite sollte 20cm nicht übersteigen. Die Vorderseite des Überfutters wird zwischen dem Oberstoff und dem Futterstoff eingenäht und rundum mit Blindstichen übernäht. In besonderen Fällen wird dieses Futter schon vorher in den Basis-Futterstoff eingenäht, bevor das Futter mit dem Oberstoff verbunden wird.

Schulterfutter

Ein glatter, farblich mit dem Oberstoff harmonierender Stoff wird für das Schulterfutter verwendet. Es wird eingenäht, wenn der Kimono bis auf den Kragen komplett ist.

Das Schulterfutter reicht über die gesamte Schulterbreite, der Länge nach von 5cm über der unteren Ärmelöffnung bis 5cm über der vorderen Ärmelöffnung. Der Halsauschnitt ist mit dem des Kimono identisch. Idealerweise werden Kimono und Schulterfutter gleichzeitig zugeschnitten.

Die Schulterlinie des Futters wird an der Schulterlinie des Kimono ausgerichtet und die Krageneinschnitte übereinander gelegt. Das Futter wird entlang der Ärmel, des Kragens und der Besatznähte befestigt, eventuell auch entlang der mittleren Rückennaht.

Gesäßfutter

Das Gesäßfutter wird an der Stelle eingesetzt, an der der Oberstoff viel Streß und Bewegung ausgesetzt wird. Es ist ein Rechteck aus glattem, nicht durchscheinendem Stoff, 60cm D50cm gross und wird etwa 5cm unter der Taillenlinie mit stabilen Blindstichen angebracht. Der untere Rand bleibt offen.

3.8.2 Vollgefütterter Kimono

Das Vollfutter aus dünnem Seidenstoff wird prinzipiell wie der Oberstoff verarbeitet. Es gibt je nach Gegend und Tradition verschiedene Möglichkeiten, ein Vollfutter anzubringen. Die Methode, die ich hier darstelle, wurde mir von Frau Oda beschrieben.

Einteiliges Vollfutter

Für Kimono mit einem einteiligen Innenfuttter wird der Futterstoff exakt wie der Oberstoff zugeschnitten und genäht. Danach werden die unteren Säume des Oberstoffes und des Futterstoffes rechts auf rechts aufeinander gelegt und mit Vor- oder Rückstichen verbunden.

Weiterhin links auf links wird das Futter über den Oberstoff gezogen und in die Ärmel gelegt. Zuerst wird die vordere Ärmelöffnung vernäht und die überstehenden Saumzugaben der unteren Ärmelnähte in Richtung der Besätze (nach vorne) gelegt und mit ein paar Blindstichen fixiert. Die Stoffsammlungen im Frauenärmel werden so verlegt, dass der Oberstoff oben und der Futterstoff unten zu liegen kommt. Die eingereihten Falten liegen so nebeneinander. Von der unteren Ärmelöffnung an der Seitennaht aus werden, in einem Arbeitsschritt mit der hinteren Ärmelöffnung, Oberstoff und Futterstoff mit Vorstichen verbunden.

Darauf folgen die Webkanten der Besätze links und rechts. Das Futter wird auf der gesamten Länge des linken Besatzes und auf 3/4 der Länge des rechten Besatzes mit Vorstichen befestigt.

Sind alle Öffnungen außer dem Kragen geschlossen, so wird der Kimono durch die Kragenöffnung und den rechten Besatz gewendet und das Futter ordentlich eingelegt. Das Futter des rechten Besatzes wird mit Blindstichen zu Ende genäht.

Zwei- oder mehrteiliges Vollfutter

Für viele Kimono werden Futterstoffe verwendet, die dem Oberstoff im Preis kaum nachstehen. Um die Kosten zu senken, ist es üblich, das sichtbare Futter entlang der Säume und Außennähte aus dem teuren Futterstoff zu fertigen und die “unsichtbaren” Teile mit einem dünneren und unbemalten Stoff zu verarbeiten. Nachdem die Einzelteile zusammengesetzt wurden, wird das Futter wie bei einem einteiligen Futter verarbeitet, wobei die Ärmel zuerst nur mit dem dünnen Futter gefüttert und dann wie unter dem Punkt “Halbgefütterter Kimono” beschrieben mit dem feineren Futter nachbearbeitet wird.

3.8.3 Sonderfall Wendekimono

Der Wendekimono ist anscheinend eine neuere Entwicklung auf dem Kimonomarkt; mir ist nur ein Hersteller bekannt, der für “Wendefurisode” wirbt, die (ganz nebenbei) auch zu Tomesode verkürzt werden können.

Grundsätzlich werden diese Kimono wie Kimono mit einteiligem Vollfutter verarbeitet, wobei der eigentliche Futterstoff durch einen weiteren Oberstoff ersetzt wird und an den Nahtkanten statt dem vorgezogenem Futterstoff mit beiden Oberstoffen harmonierende Bisen eingezogen werden. Der Kragen selbst ist nicht aus einem Stück Stoff, sondern aus den jeweiligen Oberstoffen zusammengesetzt und überbreit, so dass er passend zu den jeweiligen Oberstoffen gefaltet werden kann.

3.9 Kragen

Der Kragen ist, wie auch bei europäischer Kleidung, das letzte Stück, das angesetzt wird. Zur Vorbereitung wird der Kragenstoff dreimal gefaltet: Auf der gesamten Länge werden von beiden Seiten 3cm als Nahtkante eingeschlagen. Danach wird der Kragen auf die beiden Nahtkanten gelegt, noch einmal der Länge nach gefaltet und danach gebügelt. Die Breite des gefalteten Kragens sollte jetzt bei 6cm bis 7cm liegen.

Die Mitte des Kragens wird auf die hintere Rückennaht ausgerichtet und festgesteckt. Der Halsauschnitt wird bis zum Ende der Einschnitte umschlossen. Von dort aus wird der Kragen zum Rand des Besatzes gezogen. Idealerweise erreicht die untere Kante des Kragens den Rand des Besatzes genau auf seiner längenmäßigen Mitte. Wenn nicht, wird der untere Rand des Kragens etwas nach Oben verschoben.

Ist der Kragen festgesteckt und die Kragenenden, wenn nicht auf der exakten Hälfte der Besätze so doch auf gleicher Höhe, wird er zuerst auf der Innenseite durch alle Stofflagen angehäht. Danach werden alle Überstände des Besatzes in den Kragen gerollt und der Kragen zurückgefaltet. Darauf wird der gesamte Kragen von Aussen durch alle Stofflagen mit Vorstichen genäht.

Der Überstand des Kragens wird mit Blindstichen geschlossen.

3.10 Übersteppen der Nähte

Nachdem der Kragen angebracht wurde, werden alle Kanten, an denen Futter und Oberstoff aufeinandertreffen, mit Vorstichen fixiert. Abhängig vom verwendeten Futter und der Formalität des Kimono gibt es verschiedene Stile, in denen das Futter in Erscheinung tritt.

Üblicherweise wird bei “einteiligem” und aus dünnem Stoff bestehenden Vollfutter der Oberstoff ein paar Millimeter auf die Innenseite des Kimono gezogen, so dass nach außen hin der Futterstoff nicht sichtbar wird. Die Nähte werden in diesem Fall etwas über dem Oberstoff mit Vorstichen übernäht.

Genauso kann aber, was beim “zweiteiligen” Futter der formellen Kimono üblich ist, der Futterstoff ein paar Millimeter auf die Außenseite des Kimono gezogen werden, wo er einen Rahmen für den Oberstoff bildet. In diesem Fall wird das Futter genau unter der Verbindung zum Oberstoff übernäht, und das Futter etwa 2cm über der ersten Naht noch einmal mit Vorstichen befestigt.

Bei Wendekimono wird schon beim Einsatz des Futters eine Bise eingezogen. Die beiden Oberstoffe werden 2cm über dem Bisen-Kanten mit Vorstichen befestigt.

3.11 Kragenschoner

Da der Kragen des Kimono durch Schmutz und mechanische Belastung am stärksten beansprucht ist, wird bei vielen Kimono ein “Kragenschoner” aufgenäht. Dieser kann aus einem beliebigen Stoff sein, ist aber heutzutage meist aus dem gleichen Stoff wie der Kimono. Der traditionelle Kimonoschnitt stellt die zweite Hälfte der Kragenbahn für diesen Zweck zur Verfügung.

Der Kragenschoner endet bei Männern an unteren Ende des Brustkorbs (seitliche Länge etwa 50cm) und bei Frauen etwa zwei Zentimeter über dem Obi (seitliche Länge etwa 40cm). In der Regel ist es ausreichend, 3/4 der übrig gebliebenen Kragenbahn für den Kragenschoner zu benutzen. Die Nahtkanten werden eingeschlagen und der Kragenschoner mittig auf den Kragen genäht.

Ist der Kragenschoner verschmutzt, so wird er abgetrennt, gewaschen und wieder aufgenäht.

1 Japan Atlas, Traditional Crafts
2 NJL Fabrics: Silk Care
3 Yamanaka, Norio: The Book of Kimono, S. 45
4 Yamanaka, Norio: The Book of Kimono, S. 45
5 Oshima Tsumugi
6 Yamanaka, Norio: The Book of Kimono, S. 46
7 Yamanaka, Norio: The Book of Kimono, S. 46
8 Dalby, Liza: Kimono, S. 136
9 Yamanaka, Norio: The Book of Kimono, S. 44
10 Traditional Cafts of Japan
11 Frau Oda
12 Frau Oda

4 Der Obi

Ist der prominenteste Gürtel im Kimono-Ensemble. Es gibt verschiedene Obi-Typen, die sich auf die Qualität des verwendeten Stoffes und seine Breite beziehen.

4.1 Obi-Stoffe

4.1.1 Oberstoffe

Frauenobi sind in normaler Breite grundsätzlich aus Seide. Die verwendeten Qualitäten variieren aber sehr stark. Für formelle Kleidung wird in der Regel ein Obi aus schwerem Seidenbrokat (möglicherweise auch Goldbrokat) gewählt, weniger feierliche Kleidung läßt “normale” Jaquardgewebe und Musterwebungen zu. Noch weiter unten auf der formellen Skala stehen leichte Seidenstoffe mit gemalten und gedruckten Motiven.

4.1.2 Einlagestoffe

Obi aus schwerem Brokat und Jaquardgeweben benötigen keinen Einlagestoff. Weniger stabile Grundgewebe werden mit speziellen Einlagestoffen verarbeitet.

4.1.3 Rückwärtiges Futter

Das rückwärtige Futter eines Obi ist in der Regel ein stabiler, glatter Seidenstoff. Unter Umständen wird auch ein Polyestergewebe eingesetzt.

4.2 Obi-Breiten und Längen

Es gibt (für Frauen) verschiedene Obi-Typen, die heute in Gebrauch sind. Vom dem extrem breiten (Maru-) Obi mit einer Breite von 65cm bis zum schmalen Halbbreitenobi, der mit 15cm ungefaltet getragen wird, gibt es viele “massive” Formen und Hybride. Ich beschränke mich bei der Beschreibung der Obi-Herstellung auf den Fukuro-Obi, erwähne aber die folgenden Typen der Vollständigkeit halber.

4.2.1 Maru Obi

Der Maru-Obi ist ein sehr formeller Obi, der heutzutage nur zu Hochzeiten getragen wird. Er ist etwa 4m lang und 65cm (zwei Ballen) breit.

4.2.2 Fukuro Obi

Der Fukuro Obi mit 4m Länge und 26,8cm Breite ist der in Läden leicht erhältliche “Standardobi”. Er wird von einem Ballen gearbeitet.

4.2.3 Halbbreiten-Obi

Dieser Obi wird meist nur mit Yukata getragen und ist nur schwer im Taiko-Stil zu binden. Er ist 3,80m lang und 15cm breit.

4.3 Verarbeitung

Obi-Stoff wird, wie Kimonostoff, im Ballen gekauft. Ein Obi-Ballen von 35cm Breite verfügt in der Regel über ausreichend Oberstoff für einen Fukuro-Obi. Futter und eventuelle Einlage müssen zusätzlich erworben werden.

Oberstoff und Einlage werden zusammen verarbeitet; das Futter wird rechts auf rechts über den Oberstoff gelegt und rundum mit einer Doppelnaht Vor- oder Steppstichen (abhängig von der verwendeten Stoffqualität) angenäht. Anfang und Ende der Naht liegen auf der (unteren) langen Seite des Obi, damit kein Zentimeter der maximal möglichen Obi-Länge verloren geht. Auch kann sich ein Blindstich-Abschluß störend auf die “Knotbarkeit” des Obi auswirken. Die Naht wird nicht ganz geschlossen, ca. 10cm bis 20cm werden offen gelassen. Durch diese Lücke wird der Obi gewendet, so dass die rechte Seite des Oberstoffes auf der Außenseite zu liegen kommt.

Danach wird der Obi in Form gebügelt und die Wendelücke mit Blindstichen geschlossen. Um die Stofflagen zu fixieren, wird noch eine Vorstichnaht um den Obi gezogen, etwa einen halben Zentimeter von der Nahtkante entfernt. Dabei wird der Futterstoff etwas verkürzt, so dass der Oberstoff ein bis zwei Millimeter auf die Rückseite des Obi gezogen wird.

5 Anhang

5.1 Verwendete Begriffe

Agekubi – Jap. “hoher Nacken”, chinesischer Stehkragen
Appretur – Verfahren, durch die Textilien in ihrem Aussehen und Eigenschaften verbessert werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch auch die Behandlung mit Wäschestärke.
Ato Zome – Jap. “später färben”. Kimono, der als fertiges Gewebe gefärbt und bemalt wird.
Ausrüstung – Mechanische und chemische Veredelungsarbeiten, durch die Textilien weiterverarbeitungsfähig gemacht werden.
Beizmittel – Mittel, das die chemische Struktur der bearbeiteten (Textil-) Faser so beeinflußt, daß Farbe besser eindringen kann.
Besatz – Eigentlich ein angesetztes Stoffstück, das zum Verstürzen von Nahtkanten benutzt wird. Hier die halben Bahnen, die vorne auf der Innenseite der Leibbahnen angebracht werden.
Bindung – Art der Verbindung von Kett- und Schußfäden, die zusammen ein bestimmtes Bindungsbild oder Muster ergeben.
Chuburisode – Furisode mit halblangen Ärmeln, 90cm lang.
Daimon – Robe der Heian-Zeit, im Schnitt der hitare ähnlich.
Daimyou – Dem Shogun unterstellter Feudalherr
Date jime – Obi-Accessoire, das verwendet wird, um den Obi in der richtigen Stellung zu halten.
Date maki – Obi-Accessoire
Einlaufen – Siehe Einsprung
Einreihen – Raffen einer weiten Stoffbahn. Es wird eine Doppelreihe weiter Vorstiche genäht und der Stoff auf diesen Stichen zusammengeschoben.
Einsprung – Maß für die Flächenverkleinerung eines Gewebes durch Waschen. Angegeben in Prozent.
Eri – Jap. “Kragen”
Fixierung – Prozeß beim Färben, der von Außen aufgebrachte Färbemittel (wasserfest) mit den gefärbten Fasern  verbindet. Bei japanischen Seidenfärbetechniken geschieht das mit 100°C heissem Wasserdampf.
Fudangi – Jap. “Alltagskleidung”, informelle Kleidung
Fukuro Obi – Standardobi, 27cm breit und 4m lang.
Furisode – Jap. Flatterärmel. Kimonotyp mit langen Ärmeln für junge unverheiratete Frauen. Ärmellänge variiert von 75cm bis 105cm.
Gesponnene Seide – Auch Schappe oder Bourette. Seide minderer Qualität, die aus der Deckschicht und den Rändern des Kokons gewonnen wird. Die Fasern der Flockseide sind kurz und müssen vor der Verarbeitung zu einem Faden versponnen werden.
Geta – Sandalenart, die zu Kimono getragen wird, vergleichbar mit westlichen Trippen
Hadajuban – Unterhemd, Teil der jap. Kimonounterkleidung
Hakama – Jap. Rockhose, die optional mit oder ohne “Hosenbeine” hergestellt wird. Teil der formellen Herrenkleidung. Wird auch von Frauen getragen. Im Westen wird sie in abgewandelter Form im Kampfsport (zB. Aikido) verwendet.
Hakoseko – Geldbeutelartiger Beutel der Muromachi-Zeit, den Frauen zwischen den Kragenenden des Kimono befestigen, heute Teil der jap. Brautkleidung
Haniwa – Figuren aus der Kofun-Zeit, die als Grabbeigabe dienten.
Hanten – Informelle Jacke
Haori – Jackenart, Teil der modernen zeremoniellen Männerkleidung
Haregi – Jap. “Kleidung für besondere Anlässe”, formelle Kleidung im Kontrast zu Fudangi.
Haspelseide – Seide erster Qualität, die als Endlosfaden aus der mitteren Schicht des Kokons der Maulbeerspinner-Puppen gewonnen wird, pro Kokon etwa 700-1000m.
Hire – Schleier, der von jap. Schamanenpriesterinnen getragen wurde, Teil des Juuni-Hitoe
Juuni-Hitoe – Jap. “12 Schichten”. Zeremonielle Damenkleidung der Heian-Zeit.
Kamon – Jap. “Familienwappen”
Karaginu – Jackenart, Teil des Juuni-Hitoe
Kette – Längs auf einem Webstuhl gespannte Fäden. Werden für die Bindung bewegt.
Kimono – Jap. für Kleidungsstück. Verwendet für ein knöchellanges Wickelgewand aus Seide, das mit einem breitem Gürtel, dem Obi, getragen wird.
Kofurisode – Furisode mit kurzen Ärmlen, 75cm lang.
Konturenfarbe – Paste, die auf Seide und andere fließfreudige Stoffe aufgetragen wird, um das Auslaufen der später aufgetragenen Farben zu verhindern.
Kosode – Jap. “Kleiner Ärmel”. Vorgänger des Kimono.
Ko-Uchigi – Informelle Robe der Heian-Zeit, die an Formalität gewann.
Leibbahnen – Längste Stoffbahnen des Kimono, die Rücken und Vorderteil bilden und rechts und links am Hals vorbei geführt werden.
Leinwandbindung – Einfaches unter-über-unter – Verkreuzen von Kett- und Schußfäden nach Art des Stopfens. Grundbindung für Gewebe.
Links – Die Unterseite des Stoffes.
Maru Obi – Formeller Obi, 65cm breit und 4m lang.
Mo -Langer Rock aus den Anfängen der japanischen Geschichte
Musterblatt – Feines Papier oder dünner Stoff, auf das ein Muster gezeichnet ist, das auf einen anderen Stoff 1:1 übertragen wird.
Nagajuban – Unterkimono
Nesselstoff – Auch Nesseltuch. Leinwandbindige Baumwoll- oder Chemiefasergewebe, die vom Hersteller unbehandelt bleiben.
Noushi – Formelle Robe der Heian-Zeit
Obi – Ein breiter Gürtel zum Kimono.
Oburisode – Furisode mit vollen Ärmeln, 105cm lang.
Ousode – Jap. “Großer Ärmel”. Ärmel an der Daimon-Robe.
Ouyoroi – Samurairüstung
Rechts – Die (von Aussen sichtbare) “schöne” Oberseite des Stoffes.
Saki zome – Jap. “vorher färben”. Kimono, der aus vor dem Weben gefärbten Materialien hergestellt wird.
Schuß – Fäden, die quer über die Breite der Kette laufen.
Shigoki-Obi – Schaal, der um 1800 verwendet wurde, um den Kimono zu raffen.
Shougun – Oberster Kriegsherr, von der Kamakura-Zeit bis zur Edo-Zeit Herrscher Japans.
Sokutai – Zeremonielle Robe der Heian-Zeit
Stoffbruch – Beim Falten einer Stoffbahn entstehende Kante. In der Regel parallel zur Webkante, hier auch rechtwinklig zur Webkante möglich.
Suikan – Informelle Kleidung der niederen Adelsränge und Normalbürger in der Heian-Zeit
Suou – Formelle Robe der Muromachi-Zeit
Susoyoke – Jap. “Halbslip”. Eine Art Wickelrock, Teil der trad. Kimonounterkleidung
Tabi – Socken mit einem Trennstück zwischen dem großen Zeh und den restlichen Zehen.
Tan – Alte japanische Maßeinheit für Ballenseide. 1 Tan entspricht 38cm Webbreite und einer Länge von 10,6m. Aus diesem Ballen kann genau ein Alltagskimono hergestellt werden.
Tarikubi – Jap. “überlappender Nacken”. Überlappender Kimonokragen.
Tomesode – Ärmelform bei Kimono, vergleichbar etwa mit westlichen Jackenärmeln
Tomesode – Kimono, der von verheirateten Frauen getragen wird. Ärmellänge 55-70cm.
Tsumugi – Kimono, der aus saki zome – Stoff hergestellt ist.
Uchihi – Ungefütterter Kimono. Teil des Juuni-Hitoe.
Uchikake – Zeremonielle Winterdamenrobe der Heian-Zeit, heute Teil der jap. Brautkleidung.
Wafuku – Jap. “japanische Kleidung” im Gegensatz zu westlicher Kleidung
Webkante – Gewebte Stoffkante, im Gegensatz zur Schnittkante.
Yofuku – Jap. “westliche Kleidung” im Gegensatz zu japanischer Kleidung
Zouri – Formellere Sandalenart, die zum Kimono getragen wird.

5.2 Verwendete Literatur

Dillmont, Thérèse du: Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten. Leipzig: Reprint-Verlag-Leipzig, Nachdruck von 1893.

DTV Brockhaus Lexikon. Mannheim: DTV, 1988

Japan Information Network: Japan Atlas: Traditional Crafts. Internet, 2002.

Jennet C. Taylor: Beyond Fluttering Sleeves: An Exhibit of Japanese Kimono. Internet, 2002.

Kircher Ursula: Textilfachwortregister mit Schwerpunkt auf Handweberei und Drumherum. Internet, 2002.

Marshall, John: Make your Own Japanese Clothes. Tokyo: Kodansha, 1988

Neuss-Kaneko, Margret: Familie und Gesellschaft in Japan: von der Feudalzeit bis in die Gegenwart. München: Beck, 1990

NJL Fabrics: Silk Care. Internet, 2002.

Oshima Tsumugi. Internet

Regensteiner, Else: Die Kunst zu Weben. München: Callwey, 1987.

Traditional Crafts of Japan: A Web Resource. Internet, 2002.

Transport Informations Serivce: Seide Warenseite. Internet, 2002.

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