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Der Andere (SF)

Der Andere
von Dorothea Bergermann

Er wurde geboren,zwei Monate,nachdem sie das tote Sternenschiff passiert hatten. Sein Vater war bei der Erforschung der Hoffnung verunglückt. Die Mutter starb,als der Doktor das zweite Kind holen wollte. Das grelle Licht der Quecksilberlampen im Operationssaal erleuchtete zwei Leichen und ein schreiendes Neugeborenes mit schwarzem Haar. Er war ein Zwilling ohne Bruder,ein Kind ohne Eltern.
Nach den Gesetzen Gottes und der Physik würden Jahrzehnte vergehen,bis die Glaube ihren nächsten Hafen erreichen konnte. Ein Maschinenfehler,der zwei Jahre nach dem Abflug von der letzten Raumstation aufgetreten war,hatte ihre Reisezeit verdoppelt. Die Mannschaft war abergläubisch und überzeugt,dass der Schatten dafür verantwortlich war,der Teufel des Alls,dem die Ungläubigen zum Opfer fielen. Dem Maschinisten fehlten die Ersatzteile;nach acht Jahren Flug hatte das verkrüppelte Schiff noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht.
Diesem ersten Unglück folgte das Wrack. Die Hoffnung war ein Schwesterschiff der Glaube,das den entgegengesetzten Kurs flog,Man hatte sich viel von der Begegnung versprochen – technische Unterstützung und Werkzeug,mit dem die Maschinen der Glaube repariert werden könnten. Alte Neuigkeiten von der Raumstation,die das Schiff anflog. Aber statt stetig kürzer werdenden Intervallen,in denen die Schiffe Funksprüche austauschten,herrschte jahrelang Stille. Es gab keinen Kontakt zu einem mit Licht und Leben erfüllten Schiff,keine gefunkten Scherze,Zoten und mitfühlende Hilfsbereitschaft. Endlich fand man eine leblose Hülle,die den Namen Hoffnung trug.
Der neue Schlag traf tief. Die Mutter hatte das Shuttle gesteuert,von dem aus die Mannschaft des technischen Offiziers das Wrack untersucht hatte. An Bord der Hoffnung lebte nichts mehr. Kein Mensch,kein Tier und keine Pflanze. Es gab keine Leichen,keine überlebende Bakterienkultur. Nichts. Nur Maschinen,Metall,Plastik und den Schiffscomputer. Und in diesem gab es keinen Logbucheintrag,der von einer Nova,einem Feuersturm,einer Krankheit oder einem Piratenangriff berichtete. Das Sternenschiff war tot – steril wie das Vakuum und voll funktionsfähig. Der Schatten hatte die Hoffnung geholt.
Als praktischer Mann,der die Verantwortung für sein Schiff und die gesamte Besatzung trug,hatte der Kapitän angeordnet,das tote Raumschiff auszuschlachten und alles Verwertbare auf die Glaube zu bringen. Der Maschinist berichtete,dass er Ersatzteile für den beschädigten Antrieb gefunden habe. Der Transfer der schweren Teile war schwierig,da Hoffnung und Glaube sich auf unterschiedlichen Vektoren bewegten,doch er gelang. Die Stimmung an Bord der Glaube besserte sich,es wurde wieder mehr von Gott als dem Schatten gesprochen. Die Mannschaft in der Maschine arbeitete rund um die Uhr,und als sich herumsprach,dass die Shuttlepilotin Zwillinge erwartete,wurde ausgelassen gefeiert. Gott war mit ihnen.
Nach einem Monat musste der technische Offizier berichten,dass der Schaden am Triebwerk der Glaube doch schwerwiegender war als zuerst angenommen. Der Schatten erhob wieder sein Haupt. Ob er sich die technische Mannschaft als Quartier gesucht hatte? Noch einen Monat später starb die Pilotin bei der Entbindung ihrer Kinder.
Der Säugling musste versorgt werden,aber nach dieser Reihe von Schicksalsschlägen und Unglücken,die am technischen Offizier und seiner Mannschaft klebten,wollte niemand ihn aufnehmen. Nicht,dass das Kind den Schatten auch in andere Teile des Schiffes brachte.
Zuletzt sprach der Kapitän ein Machtwort,und das Waisenkind wurde der Familie des Maschinisten zugeteilt. Der Maschinist hatte schon zwölf Kinder – ein Dreizehntes war ihm und seiner Frau zu viel,aber er wagte nicht,sich gegen den Kapitän aufzulehnen. Also ließ er den verteufelten Jungen taufen und erzog ihn,wie es einem strenggläubigen Menschen anstand,mit Disziplin und Gottesfurcht.

Er war ungewollt. Der Vater nannte ihn nur »der Junge«,und seine Geschwister mochten ihn nicht leiden. Unter seinen hellhaarigen Verwandten war er die schwarze Amsel,auf der alle herumhackten. Wenn es zwischen zweien der älteren Kinder zum Streit kam,schritt die Mutter sofort ein und vermittelte. Quälten dagegen seine Geschwister ihn,so verließen die Eltern das Zimmer und hatten nichts gesehen.
Blaue Flecken im Gesicht waren auffällig. Einmal verprügelten ihn seine Geschwister;er behielt ein dickes Auge zurück. Der technische Offizier sprach es dem Vater gegenüber an. Bald darauf nahm der Vater seine Kinder zur Seite. Er erklärte ihnen,dass die Nächstenliebe erforderte,dass sie sich zurückhielten. Aber,und da hatte der Vater eine kurze Pause gemacht,wenn es unausweichlich wäre,den Schatten zu bekämpfen,dann,ja dann müsste man darauf achten,dass niemand etwas bemerkte. Die Geschwister hatten gelacht.
Der Junge hatte die Rede,die er am Lüftungsgitter belauscht hatte,zuerst nicht verstanden. Aber als seine Geschwister dazu übergingen,ihn an Stellen zu zwicken und zu knuffen,die von Kleidung bedeckt wurden,begriff auch er.
Nächstenliebe bedeutete,vor dem Rest der Mannschaft gut auszusehen,während man seinen Hass auf andere im Verborgenen auslebte. Seine Geschwister waren nächstenlieb. Er war der Andere.
Seine Familie betete zu jeder Mahlzeit,vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen zu einem Gott,der ihm keinen Trost brachte,und warnte ihn vor einem Schatten,der ihm ob der Feindseligkeit seiner Familie lächerlich vorkam. Zweimal in der Woche besuchten sie den Gottesdienst in der Schiffskirche. Der Priester war ein harter Mann,der keine noch so kleine Abweichung von den richtigen Formen der Anbetung duldete. Seine Predigten beschäftigten sich mit Themen,die der Junge nicht verstand. Er wollte dazugehören,also sprach er die Worte,die die anderen beteten,aber sie waren leer.
Die Mutter hatte ihm beigebracht,wie man sich bekreuzigte. Irgendwann nahm ihn der älteste Bruder beiseite und erklärte ihm freundlich,dass er es falsch machte –die Reihenfolge sei anders herum. Er glaubte seinem Bruder – er wollte dieser Nettigkeit glauben –,übte das neue Kreuz und erntete beim nächsten Gottesdienst eine heftige Tracht Prügel vom Diakon.
Da er seine Eltern dem Spott preisgegeben hatte,versohlte ihn der Vater daheim noch einmal. Die Geschwister weideten sich an seiner Demütigung und warnten ihn,dass er ordentlich beten solle,sonst würde ihn der Schatten holen.
Sein einziger Freund war der alte Mann,der auf dem Wohndeck des Schiffes Böden und Wände putzte. Der Alte war bei der Mannschaft nicht wohlgelitten. Sein Kopf wackelte,er stotterte,und seine Hände zitterten,wenn er sich aufregte. Die Kinder erzählten sich,dass der Kapitän den Alten nur mitgenommen hätte,um nach seinem Tod mehr Dünger für die Hydroponik zu haben. Bis zu seinem absehbaren Ende könne er sich noch bei der Feinstaubbeseitigung nützlich machen und mit seiner Körperwärme helfen,das Schiff zu heizen.
Trotz der zögernden Sprache des alten Mannes fühlte der Junge sich zu ihm hingezogen. Die zwei Ausgestoßenen trafen sich zur Hundewache oder zur Dämmerwache auf dem Gang und redeten miteinander. Der Alte wusch die Wände;der Junge rutschte auf Knien über den Boden und wischte mit dem Putzlumpen das Deck.
Einmal erwischte ihn eine seiner Schwestern,als er dem Alten half. Sie trat ihn im Vorübergehen,und ihm entfuhr wider Willen ein Schmerzenslaut. Sie sah ihn verächtlich an und wandte sich ab,als der Alte sie am Arm packte.
»Was d-du tust,ist nicht w-würdig«,sagte der alte Mann bestimmt. »Er a-arbeitet. D-du nicht. E-entschuldige d-dich.«
Die Schwester zuckte zusammen und starrte den Jungen böse an. Er verkroch sich hinter dem Putzwagen. Für diesen Zwischenfall würde er in der Nacht im Schlafzimmer büßen müssen.
Der Alte lockerte seinen Griff nicht. Sein Kopf wackelte bedrohlich. »E-entschuldige dich«,wiederholte er.
Sie sah sich um,stellte fest,dass sie mit dem alten Irren und ihrem jüngsten Bruder allein war und sich nicht auf fremde Hilfe verlassen konnte. »Es tut mir leid«,säuselte sie. »Ich habe nicht aufgepasst,wohin ich meine Schritte setzte.«
Am Abendtisch beschwerte sich die Schwester über den Alten. »Er hat mich angefasst«,ereiferte sie sich,»Ohne Provokation. Er ist gefährlich!«
Ein Blick,der zwei Wochen Prügel und grausame,nachts in sein Ohr geflüsterte Geschichten über den Schatten versprach,wenn er aufmuckte,hielt den Jungen still. Die heile Fassade der Familie musste unter allen Umständen aufrechterhalten werden,sonst würde er dafür zahlen.
Der Alte wurde vor allen Schiffsangehörigen für sein Verhalten getadelt und musste vier Wochen lang zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben die Kirche putzen und öffentlich für sein Seelenheil beten. Dem Jungen wurde der Umgang mit ihm verboten.
Zwei Wochen hielt er sich an das Verbot,dann suchte er zu Beginn der Dämmerwache die Kirche auf. Der Alte putzte das Zimmer gründlichst. Alle Bänke waren zur Seite geräumt worden,und im Wischwasser schwamm der Dreck mehrerer Jahre halbherzigen Saubermachens.
Leise schlich der Junge in den großen Raum. Das Fehlen der Sitzbänke veränderte die Atmosphäre vollständig. Statt der bedrückenden Regeln des zweimal wöchentlichen Kirchenbesuchs strahlte das Zimmer jetzt trotz des unordentlichen Holzlagers an der Wand eine Größe und Würde aus,die er mit der Wohnung eines Gottes in Verbindung bringen konnte. Der Gott des Schiffs war in Regeln eingezwängt. Jetzt,wo seine Wohnung geputzt wurde,hatte er einmal den Raum,der ihm zustand.
»E-es ist alles a-anders,wenn Platz ist«,murmelte der Alte hinter ihm. Der Junge hatte ihn nicht kommen hören,trat einen kleinen Schritt zurück und wurde mit einer warmen Umarmung belohnt.
»Warum machen sie ihn so klein?«,fragte er leise. »Sie«,das waren die anderen Menschen auf dem Schiff. Der Alte verstand ihn ohne Nachfrage.
»Sie haben einen fordernden Gott. Sie machen sich für ihn klein. Und da klein alles ist,was sie kennen,geben sie ihm einen kleinen Platz zu leben.« Der Alte stotterte nicht mehr. »Götter sind groß. Nur die Allerkleinsten können verstehen,wie groß sie sind.«
»Aber wenn Gott so groß ist«,wandte der Junge ein,»was ist dann der Schatten?«
Der Alte lachte. »Der Schatten ist ein Monster für kleine Kinder«,erklärte er. »Hier scheint er zu grassieren.«
Er lehnte sich gegen die Kirchenwand. »Das Schiff hat wirklich viel mitgemacht«,sinnierte er,»aber einen Maschinenfehler auf den Schatten zu schieben,weil man sich nicht eingestehen will,dass man bei der Wartung geschlampert hat,ist ein bisschen überheblich,denkst du nicht?«
Der Junge wandte sich um. »Das hast du nie gesagt.«
»Warum sollte ich? Der Mann,der sich dein Vater nennt,kann mich nicht leiden. Mir geht es mit ihm genauso. Das heißt nicht,dass ich ihm eine Entschuldigung geben muss,nach mir zu schlagen.«
Der Junge nickte schweigend. Vor ihm öffnete sich eine neue Welt voller Möglichkeiten. Obwohl er sie nicht leiden konnte,verbarg der alte Mann seine Abneigung gegenüber den anderen,um weniger Angriffsfläche zu bieten.
Der Alte griff nach der Nase des Jungen und schüttelte sie sanft. »A-aber du musst gehen. Sonst w-werden w-wir b-beide b-bestraft.«
Die Ermahnung kam zu spät. Der Diakon hatte das Schott der Kirche geöffnet. Seine Gesichtsfarbe stand der roten Stola in nichts nach.
Diesmal war es keine öffentliche Ermahnung,sondern ein ganzes Gerichtsverfahren. Dem Alten wurden Dinge vorgeworfen,die der Junge nicht verstand;der Diakon trat als Ankläger und Zeuge auf,sprach leidenschaftlich von der Entweihung der Kirche,Vertrauensmissbrauch und Misshandlung. Der Junge wurde nicht gefragt,und sein Vater hinderte ihn daran zu sprechen.
Er erhielt vor allen Leuten die Prügel seines Lebens und musste bei Gott und allen Heiligen versprechen,sich von dem bösen alten Mann abzuwenden. Seine Geschwister freuten sich maßlos über den endgültigen Fall ihres jüngsten Bruders und rotteten sich zusammen,um ihn zurechtzustutzen.
Der Junge wusste,dass sie ihm auf den Fersen waren,und rannte zur Kirche. Er würde sicher weitere blaue Flecken ernten. Ob sie von den älteren Brüdern oder dem Unterpriester stammten,machte keinen Unterschied.
»Ich habe eingesehen,dass ich Unrecht getan habe«,murmelte er mit gesenktem Kopf an der Tür des Diakons. »Ich habe meine Älteren missachtet und ihre Anweisungen ignoriert.« Er war überrascht,wie leicht die Worte über seine Lippen gingen. »Ich möchte mich bessern und bitte um Unterweisung,hochwürdiger Herr.«
Der Diakon griff nach dem Kinn des Jungen und starrte ihm ins Gesicht. Der Junge bemühte sich um einen reuigen Blick. Er schien den Unterpriester zu überzeugen. »Komm rein und nimm dir eine Bibel«,sagte er und winkte den Jungen in sein Zimmer.
Monate vergingen. Der Junge ging jeden Abend zum Gottesdienst,übte seine Gebete und sprach sie mit gewinnendem Tonfall und leerem Herzen. Er vermied den Alten,und für seine Bemühungen belohnten ihn Diakon und Priester mit ihrem Schutz. Seine Geschwister fürchteten die Geistlichen und ließen ihn in Ruhe,der Vater sah die neue Frömmigkeit zuerst voll Misstrauen und später mit einer gewissen Zufriedenheit.
Eines Abends klopfte der Vater an die Tür der Sakristei. Er nickte dem Diakon höflich zu,erspähte den Jungen und bellte:»Junge,du bist zu spät zum Abendmahl!«
Der Junge fuhr hoch,verneigte sich vor dem Unterpriester und wollte durch die Tür wischen,bevor der Vater ihn zu fassen bekam. Eine Hand auf seiner Schulter hielt ihn auf.
»Dieser Junge«,sagte der Diakon mit deutlicher Betonung,»wird mir morgen früh bei der Andacht zur Hand gehen. Er hat einen Namen.«
Es dauerte eine Weile,bis der Vater seine Stimme wiedergefunden hatte. »Dann komm,Gottlieb. Die anderen warten auf dich.«
Der Junge zögerte verwirrt. Schließlich schubste ihn der Diakon leicht. »Das ist dein Name. Geh schon.«
Es war eine Enthüllung. Der Vater hatte ihn beim Namen genannt –in einem höflichen Satz –und diesen Abend gab es keine Prügel.
Der Junge wich dem Diakon nicht mehr von der Seite.
In den folgenden Jahren unterrichteten ihn die beiden Schiffspriester in Latein und Griechisch,damit er die heiligen Texte besser verstehen konnte,und unterwiesen ihn in der Geschichte des Glaubens. Alle,selbst sein Vater und seine Geschwister,begegneten ihm mit Respekt.
In den Korridoren des Schiffes machte niemand mehr das Zeichen gegen das Böse,wenn er vorbeiging,und das Geflüster um den Schatten war passé. Die Maschinen liefen,und in drei weiteren Jahren würden sie Barnards Stern erreichen.
Ab und zu traf er den Alten in der Kirche,wenn dieser mit seinem Putzlappen über die Bänke wischte.
»Sie werden dich noch zum Priester machen«,brummte der alte Mann eines Abends. Gottlieb kniete auf einem niedrigen Schemel,hielt die Hände gefaltet und die Augen gesenkt. Diakon und Priester dachten,er bete. Dabei gab der Gott ihm nichts. Er bemühte sich nur um Kraft für seine nächste Schwindelei. »Ich wollte nur meine Ruhe«,murmelte er. »Und wenn ich dafür Plattitüden dreschen und hohle Worte rezitieren muss,dann mache ich das.«
Der Alte lehnte sich auf seinen Mopp. »Es hat mich überrascht,dass du dich ausgerechnet dem Diakon an den Hals geworfen hast.«
»Er war der Einzige,der mich vor meinem Vater und meinen Geschwistern beschützen konnte.«
»Na,pass auf,dass du nicht am Altar dieser winzigen Gottheit kleben bleibst. Noch kannst du die Richtung ändern.« Der alte Mann kehrte den Dreck aus den Ecken.
»Du gehörst nicht zum Schiff«,stellte Gottlieb fest.
»Nein«,erwiderte der Alte,»das solltest du mittlerweile wissen. Ich bin ein Passagier.«
»Ein was?«
»Ich habe auf Alpha Centauri mit dem Kapitän verhandelt. Wenn wir Barnards Stern erreicht haben,steige ich aus. Dann bin ich endlich frei.« Er breitete die Arme aus und streckte sich. Gottlieb sehnte sich danach,das Gleiche zu tun,aber es passte nicht zu seiner Rolle.
»Ich habe mir geschworen,nie wieder ein Schiff voller Wahrer Gläubiger zu betreten.« Der Alte zögerte. »Du kannst dort auch das Schiff wechseln,weißt du? Du musst nicht auf dieser alten Krücke bleiben.« Er schob den feuchten Kehricht zusammen,leerte ihn in den Mülleimer und verließ die Kirche.

Alle,vom jüngsten Säugling bis hoch zum Kapitän,hatten sich in der festlich geschmückten Kirche versammelt. Nur der dritte Offizier besetzte mit einer missgelaunten Minimalbesatzung die Brücke. Die Ordination des neuen Diakons war das wichtigste Ereignis der gesamten Reise.
Der Priester erhob sich und winkte Gottlieb. Der Junge hatte unruhig geschlafen;das Gespräch mit dem Alten ging ihm nach. Er stand auf und sang »Zum Altar Gottes will ich treten.« Es war der heuchlerischste Satz,den er je ausgesprochen hatte.
Unter seiner Maske würdevollen Ernstes strahlte der Diakon,und der Priester glomm vor Zufriedenheit. Der Vater grinste unverhohlen über das gelungene Ergebnis seiner Erziehung,während der Alte am hintersten Ende der Kirche seine Besorgnis mit gesenktem Kopf versteckte.
Gottlieb fühlte sich,als würde er seine alten Fesseln gegen einen neuen Satz austauschen. Sobald er sich vor die geschmacklos angemalte Plastikfigur kniete,hatte er Autorität – und gleichzeitig würde man ihm nie erlauben,das Schiff zu verlassen. Er ballte die Fäuste. Seine Fingernägel schnitten in seine Handflächen. Warum hatte er sich je so klein gemacht? Er war im Begriff,sich genauso einbauen zu lassen wie der billige Heilsbringer über dem Altar.
Warme Feuchtigkeit sickerte über seine Finger. Zuerst hatte er nach Ruhe und Anerkennung verlangt,und jetzt,da er sie hatte,brauchte er Platz. Die Leute um ihn herum murmelten,als er wie in Trance den roten Teppich zum Altar hinabschritt. Seine Haut war auf einmal zu eng. Er brauchte Luft.
Jemand rief:»Ein Wunder!« Die Menge raunte.
Er betrachtete seine Hände. Dunkles Blut rann über die Handflächen,tropfte auf den Boden. In ihm regte sich das irre Verlangen,dieses Blut zu trinken,sich davon zu nähren. Fasziniert leckte er einen Blutstropfen vom Zeigefinger. Er wollte sich nicht einengen lassen und ihm wurde klar,dass er es nicht musste. Er konnte sich umdrehen und ihnen ins Gesicht schreien,dass sie ihren Winzgott behalten konnten. Niemand konnte ihn daran hindern. Das war seine Freiheit. Er hob die Hände –und brach zusammen.

Als er wieder zu sich kam,war die Kirche verlassen. Er streifte durch die Korridore des Schiffs und fand niemanden. Selbst die Anzeigen,die sagen sollten,wie viele Bakterien im Recyclingbereich lebten,zeigten auf null.
Nach einigen Streifzügen erinnerte er sich an die Beschreibungen der Hoffnung,des toten Schiffs,das angeblich vom Schatten geholt worden war.
Er blickte an sich herunter und nahm eine dunkle Gestalt wahr,groß und geschmeidig. Sie fühlte sich richtig an,besser als der Kinderkörper,der ihn die ersten Jahre seines Lebens beherbergt hatte. Die Menschen hatten »den Schatten« zu Recht gefürchtet. Seine Verwandlung hatte all ihre Lebenskraft aufgebraucht – es war knapp gewesen. Nur ein paar Menschen weniger,und er wäre zwischen den zwei Formen seines Lebens verhungert. Wirtsschiffe für seine Sprösslinge sollten besser mehr als dreihundert Seelen beherbergen.
Es war schade um den Alten. Von ihm hätte er sicherlich noch mehr über die Menschheit lernen können.
Er ließ einen Teil von sich auf der Brücke zurück. In spätestens einem Jahr würde dieses Schiff Barnards Stern erreichen. Raumstationen,hatte der Alte gesagt,beherbergten Tausende von Menschen. Sein Sprössling würde in den Leuten dort gute Erzieher finden,und wenn er alt genug war,seine eigene Gestalt anzunehmen,würden sie ihm ausreichend Nahrung zur Verfügung stellen.
Weit entfernt spürte er andere seiner Art. Er verließ sein altes Zuhause und breitete die Flügel aus. Der Sonnenwind füllte sie und trug ihn in seine eigentliche Heimat. Ihm lag die Galaxis zu Füßen. Jetzt hatte er den Platz,den er brauchte.

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