Türme aus Kristall

Klappentext

Band fünf der sechsteiligen Romanreihe “Die Türme von Taladur”.

Der Stuhl des Ratsmeisters ist noch immer unbesetzt. Das Ringen um die Macht in der Eisenstadt strebt seinem Höhepunkt entgegen, und längst trägt der Taladurer Adel seine Streitigkeiten nicht mehr mit Samthandschuhen, sondern mit blankem Stahl aus. Die hochschwangere Jazemina flüchtet sich in die trügerische Ruhe ihrer Landgüter und ahnt nicht, dass die größte Gefahr ausgerechnet aus den Reihen ihrer eigenen Familie droht.

Unterdessen macht ihr Geliebter Boromeo gnadenlos Jagd auf all jene, die ihn zur Knechtschaft in den Minen von San Cardasso verdammten. Aber ist es wirklich nur der alte Zwist der Taladurer Familias, der das Blut in den Straßen der Stadt fließen lässt? Oder zieht jemand im Verborgenen seinen Nutzen aus der Uneinigkeit der Stadt?

Leseprobe

Premura, Spätsommer 990 BF
»Aber das ist verboten!«, begehrte die junge Frau auf. Das Kind an ihrer Schulter knöterte und wand sich. Sie ließ den Knaben herunterrutschen und klemmte ihn sich unter den Arm. Ihr Sohn heulte verraten und strampelte noch mehr.
Alrico trat näher an sie heran. Seine weißen Zähne blitzten im Mondlicht. »Genauso wie es verboten ist, die einzelnen Alaunlieferungen an die Flusspiraten auszuplaudern, meine Liebe. Dein Mann war etwas unvorsichtig, scheint mir.« Der schwere Duft des Rosenwassers in seinem Mund schlug ihr ins Gesicht. Sie wich hastig einen Schritt zurück. »Wenn du jeden Tag drei Tropfen davon«, er drückte ihr eine Phiole in die schwielige Hand, »in jeden der Kristallisierkästen gibst, vergesse ich deine kleinen Indiskretionen.«
Der kleine Junge ruderte auf der Suche nach Freiheit wild mit den Armen und traf Alricos Mantel. Das Mondlicht verfing sich in der Eisennadel, mit der Alrico den Stoff verschlossen hieltt. Er griff nach Barayas Kinn. Sie starrte ihn voller Trotz an. Er lachte; Frauen mit Feuer gefielen ihm. Dieser Auftrag war wider Erwarten vergnüglicher als a ndere.
Er zog sie zu sich heran. »Solltest du es nicht tun«, raunte er ihr ins Ohr, »dann wird nicht nur Vertoso Ernathesa von deinen Machenschaften erfahren. Es täte mir auch sehr um deinen Jungen leid. In einem Alaunwerk kann ja so viel passieren.«
Ihr heftiger Atem stockte. Die kurze Stille endete in einem heiseren Flüstern. »Gualdo ist noch nicht einmal ein Jahr alt! Er hat damit nichts zu tun!«
»Ah, Gualdo heißt du also?« Alrico fing eine Faust des kleinen Jungen und tätschelte sie. »Drei Tropfen pro Wanne und Tag«, wiederholte er lächelnd. »Es wäre eine solche Tragödie, nicht?«

Streitturm der Ernathesa, Taladur. 27. Rondra 990 BF
Es war kühl im Turm. Jazemina schauderte und rückte näher an das Feuer in Vaters Arbeitszimmer heran. Seit drei Tagen blies der Nordwind die lieb gewonnene Hitze des Spätsommers fort. Die ungewöhnliche Kälte setzte Jazemina zu. Zuerst gefiel ihr die Kühle – jetzt saß sie schlotternd vor Vaters Feuerstelle. Das junge Leben unter ihrem Herzen verlangte nach Wärme.
Sie zog das Schaltuch enger um ihre Schultern. Ihr ungeborenes Kind nutzte die Gelegenheit, sich auszutoben. Es trat so heftig um sich, dass der schwere Kaminrock mitwackelte. Jazemina atmete überrascht aus und legte eine Hand auf ihren Bauch. Ein paar kleinere Tritte folgten, dann fuhr langsam ein dicker Huppel unter ihrer Bauchdecke entlang. Sie folgte ihm mit den Fingern und stellte sich vor, wie das ungeborene Kind sich an sie kuschelte. Eine Welle endloser Zärtlichkeit vertrieb die Kälte.
Vater trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Es war ein schlimmer Verlust«, murmelte er. »Dein Kind sollte nicht ohne seinen Vater aufwachsen.«
Die Wärme verflog. Der Tag, an dem die Amazetti den Turm angegriffen hatten, war ein unsäglicher Albtraum. Am Abend danach lag ihr ungehobelter Gatte Edelhart tot am Fuß des Turms, erstochen durch einen Degen und erschlagen von dem eingestürzten Gerüst, das eigentlich nur für Ausbesserungsarbeiten gedacht war. Es war schrecklich.
Aber Jazemina empfand nur Erleichterung. Jeder Tag, an dem sie wie eine brav und treu trauernde Ehefrau ihre schwarze Armbinde anlegte, war ein Tag mehr, an dem sie ihre Freiheit zurückgewann. Sieben Monde mit Travias Armband verbunden, und der ungeschlachte Klotz hatte nur seine darpatischen Grobheiten gepflegt. Sie hatte es versucht, aber in ihr Bett konnte sie Edelhart nicht lassen. Und genau dadurch wusste Edelhart von Anfang an, dass ihr Kind nicht auch das Seine war.
Wenn ihr Vater etwas davon vermutete, ließ er sich nichts anmerken. Er würde sein Enkelkind auf jeden Fall als Ernathesa aufziehen. Jazemina senkte den Kopf.
»Wir haben alle viel verloren, Vater«, murmelte sie fromm.
Er seufzte. »Die Hälfte der jungen Leute und die meisten Wachen sind verletzt. Es gibt kein Mitglied der Familia, an dem die letzten Wochen spurlos vorbeigegangen sind.«
Jazemina drehte sich um und sah ihrem Vater ins Gesicht. Es war seltsam, ihn so mutlos zu sehen. »Was ist passiert?«
Ihr Vater ballte die Faust. Das Dokument in seiner Hand knisterte. »Auch unsere Hacienda bei Premura ist abgebrannt. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt. Deine Mutter ist wohlauf.« Er tätschelte ihre Schulter und lächelte. Es sah gezwungen aus. »Semano hat die Botschaft diesen Morgen überbracht. Nelaria schreibt, dass es sich um Brandstiftung handelt. Beim Aufräumen rund um Premura müssen wir eine Gruppe Amazetti übersehen haben. Die Strolche haben eine Scheune in Brand gesteckt, und das Feuer ist über die Obstgärten zum Haupthaus übergesprungen. Deine Mutter überwacht noch die Aufräumarbeiten und kommt in ein paar Tagen zurück nach Taladur.«
Er stieß heftig die Luft durch die Nase, stapfte ein paar Schritte durch das Arbeitszimmer und wedelte mit dem Pergament in seiner Hand in der Luft herum. »Diese verabscheuungswürdigen Amazetti«, brüllte er unvermittelt. »Zuerst brauchen wir einen Ratsbeschluss, um sie aus Premura herauszuholen, dann brennen sie uns das Landhaus ab! Was bildet sich dieses verrückte Aas Emiglia ein? Dass wir wegen ein paar Schwierigkeiten unseren Sitz räumen?«
Jazemina drehte sich zu ihm um. Das Schriftstück in Vaters Hand trug weder eines ihrer eigenen Siegel noch das Ratssiegel Taladurs. Es sah eher aus wie ein Brief eines Handelshauses. Geschäftliche Korrespondenz beruhigte ihren Vater meistens. »Was ist mit dem Schreiben, Vater?«, fragte sie, um ihn abzulenken. Dass sie Premura nur durch ein Votum des Rats zurückerhalten hatten, war ein wunder Punkt bei allen Familienmitgliedern.
Vater lief womöglich noch röter an. Die unschuldige Frage regte ihn mehr auf als der Brand im Landhaus. »Als ob das nicht genug wäre, behaupten die Puniner Färber, unser Alaun sei minderwertig!« Vor dem eisigen Zorn in seiner Stimme wichen sogar die Flammen im Herd zurück. »Bei allem, was es uns gekostet hat, diese Fässer überhaupt bis in diese götterverfluchte Stadt zu bringen, beschweren sie sich über die Ware! Die wollen uns nur nachträglich den Preis drücken! Unser Alaun ist der Beste in ganz Almada!«
Jazemina stemmte sich aus ihrem Sessel hoch, nahm ihrem Vater den Brief aus der Hand und strich das Pergament glatt. Die flüssige Kanzleischrift eines Berufsschreibers las sich leicht. »… befinden wir das Färbesalz nicht der gewohnten Qualität. Wie uns die Färber berichten, verloren zwei Dutzend Schritt feiner Seidendamast in dem angeblich aus der Mine in Premura gewonnenen Alaun jedweden Glanz. Der stumpfe und verhärtete Stoff nahm darauf folgend die Farbe nur ungleich an. Wir gehen von einem entschuldbaren Versehen von Eurer Seite aus, können aber keinen weiteren Irrtum dieser Art dulden. Mit aller Hochachtung, gegeben am 15. Rondra 990 nach Bosparans Fall, geschrieben für das Haus Quillana in Punin, …«
Vater riss ihr das Dokument aus der Hand. »Die haben die Seide gekocht!«, brüllte er. »Und die sauer verdienten Früchte unserer Arbeit sollen daran schuld sein!«

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